Gramatneusiedl: AMS-Jobgarantie für Langzeitarbeitslose. AMS NÖ startet weltweit einzigartiges Modellprojekt, um Betroffene aus Gramatneusiedl zurück in die Arbeitswelt zu bringen. Umsetzung wird von den Universitäten Oxford und Wien wissenschaftlich begleitet. Kostenpunkt: 7,4 Millionen Euro.

Von Gerald Burggraf. Erstellt am 22. Oktober 2020 (14:49)
Präsentierten das Projekt "MAGMA": Soziologe Jörg Flecker (Uni Wien), Multiplast-Chef Friedrich Gamper (Moosbrunn), AMS NÖ-Chef Sven Hergovich, AMS Schwechat-Leiterin Eva Wienerroither und Ökonom Lukas Lehner (Uni Oxford)
Gerald Burggraf

Wer ein Jahr oder länger auf Jobsuche ist, der gilt gemeinhin als langzeitarbeitslos. NÖ-weit lag die Zahl der Betroffenen mit Ende September bei 20.337, in Gramatneusiedl waren es 60 Personen. Warum die knapp 3.600 Einwohner zählende Gemeinde im Bezirk Bruck/Leitha hier explizit erwähnt ist? Weil sie in den kommenden drei Jahren als Modellregion für den Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit auserwählt wurde.

Das liegt einerseits daran, dass das Verhältnis zwischen Männer und Frauen sowie bei Alter und Bildungsgrad dem NÖ-Schnitt entspricht und damit allgemein Schlüsse zulässt. Und andererseits daran, dass ein Ortsteil Gramatneusiedls von historischer Bedeutung ist - Marienthal.  Dort wurden Anfang der 1930er-Jahre nach dem Aus der Textilfabrik auf einen Schlag 1.300 Menschen arbeitslos. Die soziographische Studie von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel beleuchtet die Folgen der kollektiven Arbeitslosigkeit und zählt noch heute zu den Standardwerken der Soziologie.

"Marienthal 2.0" unter anderen Vorzeichen

Wissenschaftlich relevant soll auch das neue Projekt des AMS NÖ werden. Unter dem Titel "Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie Marienthal" (MAGMA) will man alle 60 Langzeitarbeitslosen sowie Personen, die im Projektzeitraum bis 2024 als langzeitarbeitslos gelten, dauerhaft in den Jobmarkt reintegrieren. Beim AMS rechnet man mit insgesamt 150 Teilnehmern.

Der Wiedereinstieg in die Berufswelt soll neben einer intensiven Betreuung eben auch durch eine Arbeitsplatzgarantie gefördert werden. "Das ist weltweit das erste Projekt mit Jobgarantie", ist AMS NÖ-Chef Sven Hergovich bei der Projektpräsentation heute Donnerstag in der Schwechater Geschäftsstelle sichtlich stolz. Begleitet wird das Projekt von Wissenschaftern der Universitäten Oxford und Wien. 

Die Ökonomen aus England und Soziologen aus der Bundeshauptstadt werden Studien zu den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit erstellen und auch jene bei einem Wiedereinstieg. "Das ist eine Umkehrung der historischen Marienthal-Studie. Wir wollen wissen welche positiven Effekte die Rückkehr in die Arbeitswelt hat", erklärt Hergovich.

Gramatneusiedl fungiert als Startbox

Das erklärte Ziel des Projekts ist es, die Teilnehmer in der Privatwirtschaft unterzubekommen. Allerdings liegen bei Langzeitsarbeitslosen meist herausfordernde Begleitumstände wie gesundheitliche Probleme vor. Eine passende Stelle zu finden, daher nicht einfach. Dafür hat man sich die Marktgemeinde Gramatneusiedl ins Boot geholt.

So erhalten MAGMA-Teilnehmer nach einer rund achtwöchigen Einstiegsphase einen Dienstvertrag über das AMS-Partnerunternehmen "Itworks". Dieser sogenannte Transitarbeitsplatz sorgt dann dafür, dass die Langzeitarbeitslosen in der Gemeinde auf gemeinnütziger Ebene einem Beruf nachgehen können. Parallel dazu wird natürlich weiter an einer Arbeitsstelle in der Privatwirtschaft gesucht. Dort fördert das AMS in den ersten drei Monaten das volle Gehalt und danach bis zu neun Monate zu zwei Drittel.

Das veranschlagte Budget liegt bei 7,4 Millionen Euro für den gesamten Projektzeitraum bis 2024. Davon rechnet das AMS alleine mit 4,9 Millionen Euro für die Löhne der Teilnehmer. Generell rechnet man mit Kosten von jährlich 29.840 Euro pro Teilnehmer. Laut Hergovich rechnet sich das Projekt dennoch, denn: Ein Jahr Arbeitslosigkeit kostet den Staat pro Betroffenem rund 30.000 Euro. 20.000 Euro entfallen auf AMS-Leistungen, 10.000 Euro auf entgangene Steuern oder Sozialversicherungsbeiträge.