Johannes Dürr: "Wollte dieses große Schweigen brechen". Johannes Dürr wird nicht an der WM in Seefeld teilnehmen. Mit seinen Doping-Enthüllungen hat er aber für Aufsehen gesorgt. Ein Blick zurück und einer nach vorn.

Von Armin Grasberger. Erstellt am 19. Februar 2019 (03:00)
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Letzter Auftritt. Beim Alpencup in Planica holte Johannes Dürr die Plätze 47 und 54.

Der Weg ist das Ziel. Behauptet ein allseits bekanntes Sprichwort. Und wahrscheinlich hat dieses noch selten auf eine Situation so gut wie gepasst, wie auf jene von Johannes Dürr. Ohne Ski-Verband im Rücken wollte es der Göstlinger zur Nordischen WM in Seefeld schaffen. Er, der überführte Doper, der seit den Vorkommnissen von Sotchi 2014 um seine öffentliche Rehabilitation kämpft.

Der Traum ist ausgeträumt. Die Weltmeisterschaft findet ohne Johannes Dürr statt. Die Leistungen bei diversen Alpencup- und FIS-Rennen waren nicht gut genug. Auf seinem Weg zurück aus dem tiefsten Tief hat der Göstlinger die Aufmerksamkeit allerdings auf Doping im Spitzensport gelenkt. Durch sein Buch „Der Weg zurück“, durch eine ARD-Dokumentation, durch zahlreiche Interviews. Wie es mit ihm weitergeht und wie es in ihm drinnen ausschaut, darüber hat er mit der NÖN Erlauftal geplaudert.

NÖN: Sie werden bei der Weltmeisterschaft in Seefeld nicht für Österreich an den Start gehen können. Der Weg zurück hat nicht ganz ins sportliche Ziel geführt. Überwiegt die Enttäuschung oder sind Sie froh, dass es jetzt vorbei ist?

Johannes Dür r: Es ist ganz sicher nicht nur Enttäuschung, nein. Es ist eine Mischung aus vielen Gefühlen. Wirklich enttäuscht bin ich nur von der Tatsache, dass ich bei keinem meiner Rennen die Leistung abrufen habe können, zu der ich eigentlich fähig gewesen wäre.

Woran hat‘s gelegen?

Dürr: Da haben viele Faktoren zusammengespielt. Die Arbeit am Buch, die Dokumentation mit der ARD, der Umstand, dass wir ein sehr kleines Team waren. Das hat sich summiert. Es gab so viele Dinge, die erledigt werden mussten. Da blieb am Ende für die sportlichen Belange einfach zu wenig Zeit. Ich konnte nie wirklich auf meinen Körper hören, konnte nie wirklich regenerieren. Das habe ich bei den Rennen deutlich gespürt.

Es zu versuchen war dennoch die richtige Entscheidung?

Dürr: Auf jeden Fall, ja. Unser kleines Team ist zu einer starken Einheit zusammengewachsen, wir haben so viel geschafft und so viele neue Menschen kennengelernt. Das Feedback der Leute während der letzten Monate war überwältigend. Zu 100 Prozent positiv.

Werden Sie bei der WM vor Ort sein?

Dürr: Ja, das werde ich. Es ist der Schlusspunkt unseres gemeinsamen Projektes. Wir werden beim Staffelrennen am Streckenrand stehen und die ÖSV-Starter anfeuern.

Abseits der sportlichen Bemühungen haben Sie mit Ihren Enthüllungen zum Thema „organisiertes Doping“ für Aufsehen gesorgt. Was war Ihre Motivation dahinter?

Dürr: Ich wollte dieses große Schweigen brechen, meine Erlebnisse nicht einfach versanden lassen. Jungen Sportlern zu helfen, die vielleicht einmal in dieselbe Situation wie ich kommen, wäre mir ein großes Anlegen. Es redet ja sonst niemand drüber, und ich kann leider Gottes drüber reden. Ich will helfen, weil mir der Sport an sich viel zu wichtig ist. Er selbst kann ja nichts dafür und bringt so viel Positives mit sich. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es die Doping-Industrie gibt. Ich würde niemals einen einzelnen Sportler anpatzen, aber die Mechanismen dahinter sind bekannt. Es ärgert mich, dass am Ende dann trotzdem alle die Augen zumachen.

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Verschworene Einheit. Schriftsteller und Co-Autor Martin Prinz, Freundin Katharina Schwarzl und Physiotherapeut Christian Wachabauer (v.l.) standen dem Göstlinger zur Seite.

Vonseiten des ÖSV klingt das anders. Da wurde und wird stets von Einzeltätern gesprochen.

Dürr: Klar. Die Meldungen, die da aus der Sport-Blase kommen, sind reine Selbstverteidigung. Das hat man immer so gemacht. Auch ich damals, so hab ich es gelernt, also verstehe ich die Reaktionen auch. Es fällt immer leichter, auf Einzelne hinzupecken. Über das große Ganze redet niemand. Es war damals für mich nicht einfach, etwas zu sagen, von dem ich wusste, dass es gelogen war.

Gibt es noch Kontakt zum ÖSV?

Dürr: Nein, überhaupt keinen. Wir haben es immer wieder versucht, sind aber auf taube Ohren gestoßen. Ich hatte angeboten, gemeinsam ein großes Doping-Präventionsprojekt ins Leben zu rufen, in dessen Rahmen ich meine Erfahrungen an junge Athleten weitergeben kann. Es bestand kein Interesse.

Wie geht es nun weiter?

Dürr: Jetzt kommt ganz klar die Familie an erster Stelle, mein Sohn, meine Freundin. Der Sport rückt in den Hintergrund. Beim letzten Alpencup-Rennen in Planica waren meine Schwester und mein Bruder vor Ort. Sie sind mit ihren Kindern an der Strecke gestanden und haben mit Kuhglocken geläutet. An ihnen vorbeizulaufen hat dem Herzen richtig gutgetan.

Gibt es trotzdem noch irgendwelche sportlichen Ziele?

Dürr: Sollte ein interessantes Rennen kommen und in meinen Zeitplan passen, dann werde ich schon wieder einmal an den Start gehen. Der berühmte Vasa-Lauf fehlt mir zum Beispiel noch. Wenn du den nicht bestritten hast, bist du sowieso kein richtiger Langläufer (lacht).