Neulengbacher Duo: Defekte und Hilfsbereitschaft bei Alpentransit

Erstellt am 06. Juli 2022 | 02:42
Lesezeit: 5 Min
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Der Startort Reschen wurde um 1950 geflutet, nur mehr der alte Kirchturm ragt aus dem Wasser. Karl Pötzl und Sabine Kornelson blieb das Schicksal unterzugehen beim diesjährigen Transalp trotz einiger Missgeschicke erspart.
Foto: privat
Karl Pötzl und Sabine Kornelson vom RC Neulengbach durchlebten eine wechselvolle Woche in Südtiroler Bergwelt. Nur Pastaparty war an jedem Tag gleich.

Nicht ganz nach Wunsch verlief die siebentägige Tour Transalp für die beiden Starter vom RC Neulengbach. In Summe waren heuer bei diesem legendären Etappenrennen für ambitionierte Amateure 620 Kilometer mit knapp 16.000 Höhenmeter zu überwinden.

19 Pässe zwischen Start und Ziel zu bewältigen

Zwischen dem Start am Reschensee und dem Ziel am Gardasee standen nicht weniger als 19 Pässe, darunter klingende Namen wie das Stilfserjoch oder der Passo Mortirolo. Rund 600 Starter aus 32 Nationen waren dem Ruf des Klassikers gefolgt, darunter Sabine Kornelson und Karl Pötzl bei den „Mixed Teams“.

„Teambewerb, das bedeutet, dass einerseits beide Teilnehmer ans jeweilige Tagesziel kommen müssen und die langsamere Zeit der beiden für die Wertung zählt. Nicht nur sportlich, sondern auch taktisch und emotional ein interessanter Modus“, meint Pötzl.

Vor dem Start wurde jedem Athleten auch eine Tasche ausgehändigt, in die alles rein musste, was er/sie in der kommenden Woche benötigen würde. Alles was nicht drinnen war, hatte man auch nicht. „Und als Verpfelgung gab es jeden Abend Pastaparty, sieben am Stück“, schildert Kornelson, die wie Pötzl über den Winter brav trainiert und auch bereits das Race Around NÖ erfolgreich hinter sich gebracht hatte. „Aber wo wir uns hier einordnen würden, war völlig unklar.“

Und die ersten zehn neutraliierten Kilometer waren ein Schock. „Gefahren wurde, was das Zeug hielt und alsbald schoss der Laktat in die Muskel! Ih dachte nur: Mein Gott, wenn das so weiter geht, dann bib ich falsch hier“, erzählt Pötzl.

Ohne Trinkwasser und dann platzt auch noch Reifen

Aber es wurde besser. Ab dem ersten Hügel fanden sich seinesgleichen im Feld. So ging es bei gutem Wetter Richtung erstem Etappenziel. Eine Kopfsteinpflasterpassage, hat mir eine Trinkflasche gekostet, die von mir unbemerkt aus der Halterung geschüttelt wurde. Nachfüllmöglichkeit gibt es aber keine, also wurde nur sparsam getrunken und im Team Wasser geteilt.

Und im Ziel begann ein Ablauf, der bald zur Routine werden sollte: Zielverpflegung, Quartier suchen, Tasche ausfassen, regenerieren Pastaparty, schlafen und Tagwache um sechs Uhr. Tasche abgeben, frühstücken, in den Startblock stellen und um punkt neun Uhr geht’s weiter.

Unter 30 Mixed-Teams belegten Pötzl/Kornelson nach dem ersten Tag Rang neun. Doch schon am ersten Pass des zweiten Tages, dem Ofener, der unmittelbar vor dem legendären Stilfserjoch zu passieren war, folgte der Rückschlag. In einer schnellen Rechtskurve verlor Pötzls Vorderreifen seine Luft! Und der Reserveschlauch passte nicht.

Auch Kornelson hatte keinen passenden dabei. „Es dauerte eine Ewigkeit, bis ein Specialized-Wagen vorbeikam, die für Abhilfe schafften. „Doch das Feld war nicht nur sprichwörtlich längst über alle Berge“, schildert Pötzl.

Hatte man sich am ersten Tag vom Startblock B in den A vorgekämpft, ging es jetzt wieder zurück. Und nach einem ruhigen dritten Tag schlug am vierten der Defektteufel am Passo Mortirolo gleich wieder zu. Diesmal war es Kornelsons Hinterreifen.

„Zumindest passte diesmal das Material, trotzdem zogen bereits überholte Konkurrenten wieder vorbei — frustrierend“, meinte Pötzl. Und kaum wieder am Rad versagte der Umwerfer (elektronisches Bauteil) auf Pötzls Rad seinen Dienst! Damit war ein Schalten vorn am große Kettenblatt nicht mehr möglich! Reparaturversuche blieben erfolglos, so ging‘s im Notprogramm ins Ziel.

Regenerieren am Abend fiel aus, die Wiederbelebung des Umwerfers hatte Priorität. „Immerhin gab es noch drei Etappen zu fahren, wenn wir ein Finisher-Trikot haben wollten“, sagt Pötzl. Eine Wärmebehandlung mit dem Föhn schlug fehl, das Ding blieb tot, Ersatz war nicht vorhanden. Auch über Nacht geschah kein Wunder. „Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich die verbleibenden 280 Kilometer auf der kleinen Scheibe fahren würde“, schildert Pötzl, der 15 Minuten vor dem Start zur drittletzten Etappe doch nochmals bei den Specialized-Jungs vorsprach.

„Drei Minuten später kommen sie mit einem nagelneuen Tarmac-Rad um die Ecke und meinen: ‚Das können wir dir borgen!‘ Ich war sprachlos vor Glück!“ Das Rad war top, schnell wurde alles umgebaut und exakt zum Start war alles bereit. Voll motiviert wurde auch ein weiterer Reifenschaden bei Kornelson überwunden und die beiden schafften es zurück in den ersten Startblock.

Mit neuem Rad völlig erschöpft ins Ziel

Es folgte die Königsetappe mit einem 25-km-Schlussanstieg. „Letztendlich waren hier unsere Körner verschossen“, muss Pötzl zugeben. Auf Reserve rollten die Neulengbacher zur Zeitnehmung. „Nicht nur wir waren leer, auch alle unsere Riegel und Flaschen waren verbraucht. Eine Grenzerfahrung mit Ziel in Valle del Chiese.“

Am Schlusstag motivierten aber alle ihre letzten Kräfte. Neutralisiert ging es ins Ziel, wo die nächste Pastaparty wartete. Aber nicht für Pötzl und Kornelson! „Wir gönnten uns eine Ziel-Pizza im Lokal um die Ecke, gefolgt von einem Eis, einem Salat, ein wenig Kaffee, ein Brötchen — der Energiebedarf war groß!“

Bei der Siegerehrung wurde dann stolz das Finisher-Trikot übergestreift. Am Ende gab es im Mixed den elften Gesamtrang bei Pötzls erster und Kornelsons zweiter Teilnahme bei der Transalp. „Hier folgt auf einen Erfolg am nächsten Tag immer gleich ein Ereignis, welches einen wieder demütig werden lässt“, lacht Pötzl. Letztendlich wurde trotz aller Höhen und Tiefen das Rennen aber als Team beendet – und auch bereits über eine Wiederholung laut nachgedacht. „Dass es in der Mixed-Wertung keine Altersklassen gibt, können wir verschmerzen.“