Selim Ütük erzählt über die virtuelle Spielwelt. Selim Ütük gründete selbst einen Gaming-Verein. Der langjährige Fußballer ist in „Call of Duty“ der siegreichste Österreicher, ist mit 29 Jahren aber schon ein Dino der E-Sport-Szene.

Von Malcolm Zottl. Erstellt am 03. Juni 2020 (02:29)
privat

Am grünen Rasen spielte er für Willendorf und Schlöglmühl. „Als einzig Übergewichtiger in der Kampfmannschaft“, warf Semir Ütük seine 110 Kilogramm immer wieder in die „Schlacht“. Die Fußballschuhe will der 29-Jährige an den Nagel hängen, nur noch aushelfen, wenn es unbedingt nötig ist. Doch Fußball ist nicht das einzige Hobby Ütüks. Er ist begeisterter E-Sportler, gründete sogar einen eigenen Verein. Sein Team 4 Austria (T4A) umfasst derzeit 15 Mitglieder aus Österreich und Deutschland. Ütük fungiert als Koordinator und Manager.

Seine eigene virtuelle Karriere startete bereits im Kindesalter mit Nintendo und Gameboy. Als Gegner fungierten meistens Freunde aus der Kickerszene: Attila Dikbayir (er ist auch jetzt noch in Ütüks Team dabei), Serhat Celik, Patrick Kietaibl und Bernd Kremnitzer. Mit 19 Jahren sammelte er erste Erfahrungen im Team und bei Turnieren. Die Erkenntnisse waren ernüchternd. „Ich habe immer geglaubt, ich bin richtig gut, habe dann gegen eigentlich mittelmäßige Spieler auf die Fresse bekommen“, erinnert sich Ütük.

Das Problem: Im Online-Modus sind die wirklich guten Spieler rar. Was Ütük ambitionierten Zockern deshalb empfiehlt: „Sich mit Freunden, die auf dem selben Level sind wie einer selbst oder besser, zusammentun. Danach bei Teams melden.“ In den Teams selbst durchlaufen die neuen Spieler dann eine Probezeit, bevor entschieden wird, ob sie genommen werden oder nicht. Rechtlich verbindliche Verträge gibt es nicht. Eine weitere Möglichkeit ist, sich bei Online-Turnieren, die die Teams veranstalten, einen Namen zu machen. „Das ist die Chance für Leute, die keiner kennt.“

„Selbst wenn ich in einem halben Jahr eine Million Euro gewinnen sollte, müsste ich mir überlegen, ob ich meinen Job kündige.“ Selim Ütük

Ütük hat in der Gamer-Szene bereits einen Namen. Als „Selimtheonly“ feierte er mit 2.201 Siegen beim Ego-Shooter „Call of Duty“ österreichweit die meisten. Obwohl er mit 29 Jahren eigentlich schon ein Senior ist. „Eigentlich ist es traurig, dass das so ist. Es geht um Reaktionszeit und da sollte ich mit 29 Jahren gegenüber einem 20-Jährigen eigentlich keine Chance haben“, schildert Ütük, denn der E-Sport-Boom ist in Österreich noch nicht wirklich angekommen. Gerade bei Spielen mit Altersbegrenzung, wie „Call of Duty“ (ab 18 Jahren) ist die Szene hierzulande klein.

Das World Wide Web ermöglicht aber Internationalität auf jeder Leistungsstufe. Ütük spielt mit seinem Team etwa in der Deutschen E-Sport Bundesliga. „Wenn man es mit Fußball vergleicht, vielleicht so etwas wie die Regionalliga – das kann man wirklich sagen.“ Das Ziel ist die Qualifikation für das Oberhaus Compatitive Gaming League.

Die große Turnier-Karriere wird Ütük nicht mehr starten. Vom Spielen leben kann er bis dato nicht. „Selbst wenn ich in einem halben Jahr eine Million Euro bei einem großen Turnier gewinnen sollte, müsste ich mir überlegen, ob ich meinen Job kündige – die Tendenz würde wahrscheinlich dorthin gehen, dass ich weiter arbeite“, arbeitet Ütük als Drucktechnicker im Schichtbetrieb.

Dass Leute für E-Sport Job, Studium oder gar Schule aufgeben, versteht Ütük nicht: „Selbst wenn ich schon mal etwas gewonnen habe, heißt das nicht, dass ich das wieder schaffe“, glaubt Ütük, dass Spielen auf Top-Niveau auch nebenbei geht. Wenngleich stundenlanges Training nötig ist. Vor Turnieren trainiert das Team 4 Austria täglich vier bis sechs Stunden. Auch Grundlagentraining, etwa das Handling mit den verschiedenen „Call of Duty“-Waffen, gibt es. Um das durchzuhalten, spielt körperliche Fitness eine große Rolle, auch wenn Ütük aufgrund seines Körperbaus eine Antithese dazu ist: „Wir haben ein Teammitglied, das geht vor dem Spielen zwei Stunden ins Fitnessstudio“, erzählt Ütük: „Wenn ich so lange spiele, habe ich natürlich Rückenschmerzen.“

Deshalb ist auch das richtige Equipment für das Hobby wichtig – ein gutes Headset, ein Gaming-Sessel, eine gute Internetverbindung sind ebenso unerlässlich, wie ein Gaming-Monitor. „Weil die Übertragungsrate am Fernseher um das Achtfache höher ist“, erklärt Ütük. Nicht nur im Turniermodus, sondern auch beim Streamen. Denn auch mit dem Aufnehmen des eigenen Spiels lässt sich in der Szene Geld verdienen. Das wirkliche Spielniveau ist hierbei sekundär. „Wichtig ist, dass die Leute unterhalten werden“, verrät Ütük, der neben Tipps für „Call of Duty“ auch ähnliche Spiele wie „Fortnite“ oder „Battlefield“ streamt, aber auch Kinderspiele wie „Bummelparty“ im Repertoire hat. Für seinen Streaming-Raum hat er auch ordentlich investiert. „Es sieht aus, wie in einem Fotostudio“, grinst Ütük, der über die Plattform Twitch auch Geld verdient – derzeit nicht viel 200, 250 Euro im Monat. Durchschnittlich hat er 25 Zuseher bei seinen Streams. „Wirklich interessant wird es bei 75, aber das ist schon schwer, dort hinzukommen.“