Gunnar Prokop: „Gosch‘n halten war nicht mein Stil“. Gunnar Prokop feierte am Samstag seinen 80. Geburtstag. Die NÖN traf den legendären Trainer in seinem Haus in Annaberg zum Interview.

Von Bernhard Schiesser. Erstellt am 15. Juli 2020 (02:09)
Topfit posierte Gunnar Prokop in seinem Garten.
Schiesser

NÖN: Ihre Erfolge als Leichathletik- und Handballtrainer sind legendär. Trotzdem waren Sie aufgrund Ihrer Trainingsmethoden und aufgrund Ihres exzentrischen Auftretens umstritten. Hat Sie das gestört, dass Sie von vielen als Schleifer bzw. als Kasperl oder Besessener bezeichnet wurden?

Gunnar Prokop: Das war mir immer wurscht! Ich wollte erfolgreich sein, und meine Mädels haben immer gewusst, wie ich bin. Voriges Jahr war das Jubiläum vom ersten Europacupsieg mit Hypo. Da waren 25 meiner ehemaligen Spielerinnen bei mir in Annaberg zum Grillen. 25! So schlimm kann ich also nicht gewesen sein, sonst würden sie nicht alle kommen (lacht!). Aber zum Thema Motivation will ich noch was sagen…

Bittesehr…

Prokop: Auf meinem Klo hängt ein Spruch. „Die Psyche lenkt die Motorik“, steht da drauf. In Sachen Physis und Trainingslehre habe ich mir in den 60iger Jahren von meinem Bruder, der in der DDR lebte, Fachliteratur besorgt, die bei uns niemand hatte, und mir dadurch einen Vorteil verschafft. Mittlerweile gibt es auf diesem Gebiet ja keine Geheimnisse mehr. Der einzige Bereich, wo noch was geht, ist die Psyche. Und da wollte ich nie einen Fehler machen. Motivieren und vorangehen hab ich schon als Jugendlicher gut gekonnt. Das liegt mir im Blut.

Sie waren als Handballtrainer ja ein kompletter Quereinsteiger. Hätten Sie beispielsweise auch im Fußball Erfolg haben können?

Prokop: (denkt nach) Schwierig zu sagen. Ich hatte ja einmal ein Angebot, bei der Vienna einzusteigen. Ich habe aber abgelehnt, weil ich dort nicht alle Entscheidungen alleine hätte treffen können, so wie ich es vom Handball gewohnt war. Das hätte nicht funktioniert. Später war ich auch knapp dran, beim Eishockey in Wien einzusteigen. Das hätte mich gereizt, weil ich diese Sportart liebe. Auch das habe ich aus den gleichen Gründen nicht gemacht.

Was waren Ihre schönsten Momente in 80 Jahren?

Prokop: Privat die Geburt meines ersten Kindes (Anm. Tochter Karin 1966), sportlich sicher Olympiasilber mit der Liese. Ich kann mich noch gut erinnern. Ich bin damals vor den österreichischen Journalisten geflohen, habe mich im Stadion auf dem letzten Rang zwischen die Mexikaner hingesetzt und geweint.

Die bittersten Stunden?

Prokop: Privat der Tod von der Liese. Eh klar (Anm. Liese Prokop verstarb am Silvestertag 2006 an einem Aortariss). Ich hätte mir meinen Lebensabend hier in unserem Haus mit der Liese schon anders vorgestellt…

Sportlich haben die Olympischen Spiele 2000 in Sydney lange an mir genagt. Damals war ich Trainer vom Frauen-Handballnationalteam. Wir waren die beste Mannschaft und sind nur Fünfter geworden.

Im NÖ-Sport hinterließ Gunnar Prokop seine Fußspuren, im St. Pöltner Sportzentrum seine Handabdrücke, die ab sofort den „Walk of Fame“ zieren. Hausherr Franz Stocher, Union-Präsident Raimund Hager, Sportlandesrat Jochen Danninger und Erwin Pröll gratulierten.
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Mit einem Team mit einer Vielzahl von eingebürgerten Spielerinnen. Auch das hat man Ihnen immer wieder zum Vorwurf gemacht…

Prokop: Auch das war mir immer wurscht. Eines möchte ich aber schon betonen: Bei der EM-Bronzemedaille 1996 waren von den 14 Kaderspielerinnen neun, die in der Südstadt in die Schule gegangen sind. Das wurde auch gerne übertrieben dargestellt.

Mit Ihren Sprüchen sorgten Sie mitunter für Aufregung. Bereuen Sie die im Rückblick?

Prokop: Bereuen tue ich nur eine einzige Sache, und zwar das Foul an der Metz-Spielerin 2009 (Anm. Prokop hielt eine gegnerische Spielerin auf dem Weg zum Tor zurück). Das war aber damals gar keine bewusste Aktion, sondern eine Reaktion. Aber egal, das hätte mir nicht passieren dürfen und tut mir unendlich leid. Zu den Sprüchen stehe ich, was den inhaltlichen Hintergrund betrifft, nach wie vor.

Dass die „Weiber“ in den Hintern getreten gehören und sie hinter den Herd gehörten?

Prokop: Der erste Spruch bezog sich auf den Trainingsfleiß. Viele Spielerinnen haben eben bei mir gelernt, richtig zu trainieren. Wenn du Erfolg haben willst, musst du mehr machen als andere, und ich muss als Trainer mehr verlangen. Was den zweiten Spruch betrifft, bin ich eben nach wie vor ein Verfechter des traditionellen Familienbildes. Egal welche Partei, mittlerweile ist fast ein Wettlauf darum, wer es besser schafft, dass die Kinder von der Früh bis am Abend in diversen Einrichtungen betreut werden. Die Erziehung sollte aber in der Familie passieren. Die kann kein Lehrer übernehmen. Nichts anders wollte ich damit sagen. Aber okay, über die Ausdrucksweise kann man streiten. Auch ich werde älter und weiser (lacht)!

Wie hat Ihre Frau damals reagiert? Kam da mal ein „Geh Gunnar bitte, reiss‘ dich zusammen“?

Prokop: Sie ist immer hinter mir gestanden und hat gesagt: „Ich kenn‘ meinen Mann.“ Aber ja, vielleicht wäre es manchmal gescheiter gewesen, ich hätte meine „Gosch‘n“ gehalten, aber das war halt nicht mein Stil.

Gibt‘s eine Sportlerin, einen Sportler, die/der hätte mehr erreichen können?

Prokop: (denkt nach). Wahrscheinlich Maria Sykora. Sie hatte ja eh große Erfolge, gewann Medaillen bei Großveranstaltungen. In ihrer besten Zeit hätte sie aber aufgrund ihrer Trainingsleistungen als erste Frau die 800 Meter unter zwei Minuten laufen müssen, und damit wäre sie auch sicher Olympiasiegerin 1972 geworden. Eine blöde Verletzung hat das aber verhindert.

Welche Sportlerin hat Sie besonders geprägt?

Prokop: Zu Judoka Claudia Heill hatte ich eine ganz besondere Beziehung. Sie hatte bei uns quasi Familienanschluss. Ich kann mich noch gut an unser erstes Gespräch erinnern. Sie sagte als 14-jähriges Mädl, dass sie Olympiasiegerin werden wird. Das hat mir imponiert. Und das hat sie mit ihrer Silbermedaille 2004 ja auch fast geschafft. Ihr Tod 2011 hat mich schwer getroffen. Ich glaub ja bis heute nicht, dass sie Selbstmord beging, sondern dass das ein Unfall war.

Was wünschen Sie sich zum 80. Geburtstag?

Prokop: Es wäre geplant gewesen, dass ich mit meinen Kindern und Enkeln auf den Großglockner radle. Das haben wir aufgrund von Corona auf nächstes Jahr verschoben. Und ich wünsche mir, dass wir heuer zu Weihnachten alle gemeinsam hier in Annaberg feiern, so wie es war, als die Liese noch lebte.

Die meisten würden sich auch Gesundheit wünschen…

Prokop: Das brauch‘ ich mir nicht zu wünschen, das bin ich ja eh. Krank sein kenn ich gar nicht. Ich hatte in meinem gesamten Berufsleben keinen einzigen Krankenstandstag.