Kiesenhofer-Coup soll Frauenradsport Schub geben. Der Goldcoup von Anna Kiesenhofer hat ein plötzliches Schlaglicht auf den Frauen-Radsport in Österreich geworfen. Ihr Olympiasieg soll idealerweise für neue Impulse sorgen, obwohl sich Kiesenhofer dem gängigen System mit Teamzugehörigkeit und entsprechenden Rennteilnahmen im In- und Ausland durch ihren Soloweg weitgehend entzieht.

Von APA / NÖN.at. Erstellt am 26. Juli 2021 (13:05)
Anna Kiesenhofer
Anna Kiesenhofer
APA/AFP/GREG BAKER

"In Österreich hat sich schon viel getan. Es ist wesentlich größer, die Leistungsdichte ist höher", schätzt die in der Schweiz lebende Mathematikerin die Situation im Frauenbereich hierzulande ein. Sie selbst tritt in der Heimat ja nur selten an, feiert dann aber bisweilen bei Einzelstartbergrennen und Zeitfahren beachtliche Erfolge. Im Gegensatz zu ihr sind die meisten anderen österreichischen Fahrerinnen im geregelten Rennbetrieb der mittlerweile sechs Frauenrennställe wie Cookina Graz, La Musette und RRT Pielachtal integriert.

Dieser ermöglicht ihnen heuer erstmals auch die Teilnahme an der heimischen Radliga, die bisher den Männern vorbehalten war. Im Österreichischen Radsport-Verband (ÖRV) ist man froh, dass die Umsetzung endlich gelungen ist, wie Sportdirektor Christoph Peprnicek betont. "Auch, dass die Preisgelder die gleichen wie bei den Herren sind, war uns ein großes Anliegen. Dafür haben wir kämpfen müssen."

Noch vor der Olympia-Sensation von Kiesenhofer habe man außerdem beim Sportministerium ein neues Projekt zur Frauenförderung eingereicht. "Das liegt beim Ministerium, da haben wir noch keine Antwort erhalten", sagte Peprnicek und kündigte auch die schon länger geplante Schaffung einer Gender-Ombudsstelle im Verband an.

"Wir werden ganz sicher Druck machen"

Mit dem Rückenwind des Kiesenhofer-Erfolges will der ÖRV auch andere "Baustellen" - wie die noch ungelöste Bahnfrage nach dem bevorstehenden Abriss des Dusikastadions bearbeiten. "Wir werden diesen Hype auch benutzen und auf den Umstand hinweisen, dass uns das Stadion ohne Ersatz weggerissen wird. Wir haben da jetzt sicher eine gute Ausgangsposition, die werden wir versuchen zu nutzen. Wir werden ganz sicher Druck machen."

Darüber hinaus bleibe zu hoffen, dass die im Zuge des Kiesenhofer-Erfolges getätigten Aussagen der politischen Entscheidungsträger keine Lippenbekenntnisse bleiben, so Peprnicek. Das gelte auch für die Österreich-Rundfahrt der Männer, die heuer wegen Finanzierungsschwierigkeiten erneut abgesagt werden musste.

Auch Nachwuchsprojekte für Mädchen sollen unter dem neuen ÖRV-Präsidenten Harald Mayer forciert werden. Aus dem Vollen schöpfen wird man freilich auch in Zukunft nicht können, die Talente sind rar und die Budgetmittel begrenzt. Und so werden wohl auch weiterhin Einzelphänomene wie früher Christiane Söder und eben jetzt Kiesenhofer für Aussehen sorgen müssen.

Heimische Fahrerinnen großteils keine Profis

Die allermeisten heimischen Fahrerinnen sind wie die frisch gebackene Olympiasiegerin keine Profis und betreiben ihre Passion neben ihren Brotberufen. Mit Sarah Rijkes, den Schwestern Kathrin und Christina Schweinberger, Verena Eberhardt und Nadja Heigl verdienen aber auch einige bei ausländischen Teams Geld. Die acht Rennställe der höchsten internationalen Kategorie mit den professionellsten Strukturen und dem hochkarätigsten Rennkalender kommen jedoch derzeit ohne Österreicherinnen aus.

Kiesenhofer tritt bei ihren vereinzelten Auftritten in Österreich für das Grazer Cookina-Team an, das vom langjährigen ÖRV-Funktionär Klaus Kabasser geleitet wird. Für Peprnicek hat sich die generelle Situation der Frauenteams in den vergangenen Jahren "definitiv" in eine positive Richtung entwickelt. "Da bewegt sich auch etwas. Es wird besser, aber auch noch auf kleinem Niveau."

Die Olympiasiegerin setzt ohnehin weiter auf ihren Sonderweg. "Ich hoffe, dass es auch andere inspiriert, ihren Weg zu gehen und nicht unbedingt zu machen, was im Radsport so gemacht wird. Den Mut zu haben", so Kiesenhofer, die den Trainer- und Managerstrukturen nach schlechten Erfahrungen misstraut. In ein fixes Teamgefüge will sie sich weiterhin nicht begeben. "Mein Freund und ich haben uns in Lausanne gut eingelebt, ich bin dort seit vier Jahren glücklich, habe einen guten Job auf der Uni. Dieses Leben möchte ich nicht aufgeben. Ich genieße es, meine eigene Chefin zu sein. Ich werde auch künftig selbst entscheiden, an welchen Rennen ich teilnehme."

Wann ihr nächster Einsatz sein wird, ist noch offen. Möglicherweise sieht man sie am 21. August bei den Bergstaatsmeisterschaften am Hochkar in ihrer niederösterreichischen Heimat. Dort hatte sie im Vorjahr mit großem Vorsprung den Titel geholt.