Stocher: "Es gibt keinen Schuldigen". Der Meisterschaftsauftakt des SKN St. Pölten musste ebenso abgesagt werden, wie das Endspiel der heimischen Football-Liga. Der frisch gesäte Rasen in der NV Arena ist noch nicht bespielbar. Jetzt geht’s um Ausweichquartiere und – zumindest was die Footballer betrifft – um Schadenersatzforderungen. Der Geschäftsführer des Sportzentrums NÖ - das Stadion ist Teil davon - Franz Stocher spricht von unglücklichen Umständen und Missverständnissen.

Von Bernhard Schiesser. Update am 23. Juli 2021 (14:06)
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Usercontent, SKN St. Pölten

Die Gerüchte kamen schon vor Wochen erstmals auf. Am 23. Juli will der SKN auf diesem Rasen spielen und eine Woche später soll die Austrian Bowl steigen? Das kann sich niemals ausgehen, wurde gemunkelt. Dem SKN war die Problematik des engen Zeitkorsetts durchaus bewusst. Auch beim zuständigen Sportzentrum Niederösterreich war klar, dass das Vorhaben der Rasensanierung ambitioniert ist.

Zehn Tage vor dem Meisterschaftsstart hätte der SKN ein Ausweichstadion nennen müssen, die Verantwortlichen fragten deshalb beim Sportzentrum nach, ob alles in Ordnung sei, wie Generalmanager Andreas Blumauer anmerkt: „Uns wurde schriftlich zugesagt, dass alles passen wird.“

Interpretierte der SKN ein Schreiben falsch?

Das sieht allerdings Franz Stocher anders. Der bestätigt zwar das Schriftstück, merkt aber dezidiert an, dass dort genau das Gegenteil einer Garantie ausgesprochen wurde (siehe Original-Schreiben unten). „Am 13. Juli gingen wir davon aus, dass sich alles ausgeht, wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert. Der Pilzbefall war leider genau so etwas. Im Schreiben steht explizit drinnen, dass wir eben nicht dafür garantierten können, dass das Spiel stattfinden kann. Und wir haben ihnen auch gesagt, dass sich der SKN sicherheitshalber um ein Ausweichstadion umsehen soll. Das haben sie aber nicht gemacht. So wie es der SKN in seiner Aussendung schreibt, ist es einfach unwahr.“

Rasen bestand Härtetest nicht

Rasen NV Arena
Nahaufnahme des Rasens in der NV Arena
Gerhard Weber

Optisch verbesserte sich der Anblick des neuen Grüns in den folgenden Tagen tatsächlich. Am Mittwoch absolvierten die SKN-Kicker dann erstmals ein Training im Stadion. „Auf Bitten des Sportzentrums“, wie Blumauer anmerkt. Bestanden hat der Rasen, der in den Tagen nach dem Relegationsspiel gegen Austria Klagenfurt (29. Mai) angesät wurde, den Härtetest nicht. „Schon bei geringer Belastung sind sofort große Rasenziegel rausgerissen worden“, weiß Blumauer.

Langsam wurden die SKN-Verantwortlichen nervös, erbaten bei der Liga eine Kommissionierung durch einen Offiziellen. Die gab’s am Donnerstagabend, mit dem Ergebnis, dass der Rasen in der NV Arena nicht bespielbar sei und die Partie gegen Rapid II abgesagt werden musste.

Footballer vor den Kopf gestoßen

Was für die Fußballer schlimm war, ist für die Footballer eine einzige Katastrophe, wie Christoph Seyrl bestätigt. Der Generalsekretär des Football-Verbandes wurde um 19.33 Uhr und circa eine halbe Stunde nach der offiziellen Aussendung, dass das SKN-Spiel abgesagt sei, verständigt, dass auch die für 31. Juli geplante Austrian Bowl nicht in der NV Arena stattfinden kann. „Wir haben über 2.000 Tickets verkauft, wir haben Mittwoch und Donnerstag noch Vorbereitungen getroffen, die in die tausende Euro gehen. Jeder Tag früher hätte uns geholfen. Ich bin einfach nur verwundert über die verspätete Absage. Bei professioneller Beurteilung der Situation, hätte das schon lange vorher Thema sein müssen.“

Austrian Bowl in Wiener Neustadt?

Seyrl gibt sich bezüglich Austragung der Austrian Bowl kämpferisch: „Ich werde die Austrian Bowl spielen. Wir suchen eine Alternative, vorzugsweise in Niederösterreich.“ Erste Anlaufstelle soll Wiener Neustadt sein. Fraglich ist, ob der Termin hält. „Alleine die Genehmigung des Covid-Konzepts dauert in der Regel 14 Tage.“

Das Land Niederösterreich soll schon signalisiert haben, den Footballern finanziell zu helfen. Das heißt aber nicht, dass der AFBO nicht versuchen wird, sich bei den Verantwortlichen finanziell schadlos zu halten. Verantwortlichen? Wer ist eigentlich schuld am St. Pöltner Desaster?

Stocher: „Es gibt keinen Schuldigen“

„Es gibt keinen Schuldigen“, meint Franz Stocher. Der Geschäftsführer des Sportzentrum Niederösterreich, zu dem die NV Arena gehört, führt weiter aus: „Erst seit einem Probetraining des SKN am Mittwoch wissen wir, dass der optisch gut wirkende Rasen in einem kritischen Zustand ist und dass er für das Eröffnungsspiel und die folgenden zwei Wochen unbespielbar ist, haben uns Experten und ein Vertreter der Bundesliga erst gestern Abend bestätigt“.

Dass das Zeitfenster, in dem der neue Rasen im Stadion hätte gedeihen und verwurzeln hätte sollen, eng bemessen war, gesteht Stocher ein. „Wir haben das aber schon im Winter gemeinsam mit dem SKN so entschieden.“ Durch die damals nicht absehbare Relegation gegen Klagenfurt ging eine Woche verloren. Danach war das Wetter erst zu heiß, dann zu kühl und regnerisch. „Und in den letzten Tagen hat ein Pilzbefall dem Rasen den Rest gegeben“, beschreibt Stocher.

„Gärtner“ Nentwich verteidigt Rasensaat

Dass in der NV Arena überhaupt neuer Rasen angesät wurde und nicht, wie in den meisten anderen Stadien Rollrasen verlegt wurde, ist übrigens nicht so ohne weiteres als „Schildbürgerstreich“ abzutun. Das bestätigt auch SKN-Sportvorstand Thomas Nentwich, der bekanntermaßen hauptberuflich als Gartengestalter unterwegs ist: „Gesäter Rasen, insbesondere mit dieser Hybrid-Kunstnetz-Technik wie er in unserem Stadion geplant wurde, ist nachhaltiger. Der Rasen verwurzelt dann tiefer als Rollrasen. Das Problem war das enge Zeitfenster und verschiedenste Umstände, die das Rasenwachstum stocken ließen.“

Angespanntes Verhältnis zwischen Sportzentrum und SKN

Das Verhältnis zwischen Sportzentrum und SKN St. Pölten war in den vergangenen Jahren oft angespannt. Mit der Spielabsage ist ein neuer Tiefpunkt erreicht. Blumauer und Stocher reichen sich – zumindest nach außen hin – dennoch versöhnlich die Hand. „Bei unseren Gesprächen gestern ist nicht ein lautes Wort gefallen. Das war alles sehr konstruktiv“, sagt Blumauer. Stocher pflichtet bei: „Mir ist wirklich daran gelegen, dass die vorhandenen Gräben nicht noch tiefer werden. Wir sind natürlich an einer guten Zusammenarbeit mit dem SKN interessiert. Ich will mich da jetzt auch nicht aus der Verantwortung stehlen. Das ist alles richtig, richtig schlecht gelaufen.“

SKN-Ausweichstadion noch nicht fix

Der SKN plant die abgesagte Partie gegen die zweite Mannschaft von Rapid am Dienstag oder Mittwoch der Woche nach dem Auswärtsspiel gegen Liefering (Runde zwei) ein zu schieben. Der Spielort ist noch offen. Ein fixes Ausweichstadion musste der SKN bei der Lizenzierung nicht nennen. „Das hätten wir nur machen müssen, wenn es einen konkreten Anlass gegeben hätte. Den gab es aber nicht“, so Blumauer. Die St. Pöltner wollen aber in Niederösterreich bleiben. In Frage kommen Wiener Neustadt, die Südstadt oder die Heimstätte von Ligakonkurrent Amstetten. Gespräche darüber laufen zur Stunde. Ziel ist übrigens auch, dass das zweite Heimspiel der St. Pöltner, am 15. August gegen Horn, bereits wieder in der NV Arena stattfinden soll. Dann hoffentlich auf satt grünem, gut verwurzeltem Rasen.