Olympiazentrum NÖ öffnete wieder die Pforten. Seit 16. März herrschte aufgrund der Corona-Krise absoluter Stillstand auf Österreichs Sportstätten. Am Dienstag hielt Neo-Landessportrat Jochen Danninger den Spitzensportlern aber selbst die Tür ins Sportzentrum NÖ auf und sprach von einem richtigen Schritt zur besten Unterstützung der Athletinnen und Athleten.

Von Claus Stumpfer. Erstellt am 21. April 2020 (17:30)

Seinen Einstand als NÖ Sportlandesrat in der Nachfolge von Petra Bohuslav hatte sich Jochen Danninger selbst anders vorgestellt. „Am 27. Februar wurde ich angelobt und nicht einmal drei Wochen später war der komplette Sport im Land auf Null heruntergefahren! Ein Bauchfleck“, stellte er am Dienstag selbstironisch fest, als er die ersten Spitzensportler in ihre „Arbeitsstätte“ im Olympiazentrum NÖ einlassen konnte. 

Siebenkampf-Aushängeschild Ivona Dadic und der Gewichtheber-Amazone Sarah Fischer, die als erste das Olympiazentrum in St. Pölten wieder in Beschlag nahmen, hat Danninger sogar persönlich die Tür aufgehalten. Und er sprach von einem wichtigen Signal für alle Sportler. „Es freut mich, dass sie nun ihrer beruflichen Tätigkeit wieder im gewohnten Trainingsumfeld nachgehen, um somit ihr Leistungsniveau nach der Krise wieder aufbauen können."

Und Fischer bestätigte: „Nach dieser außergewöhnlichen Zeit ist der Wunsch nach einer Rückkehr zur strukturierten Trainingsroutine sowie die Motivation ganz groß.“ Gleichzeitig betonte Danninger aber auch: „Gesundheit und Sicherheit müssen weiterhin an erster Stelle stehen!“ Die Schutzmasken in den Landesfarben hatte er für alle dabei und auch die Abstandsregel wurde natürlich penibel eingehalten. 

Trainiert wird ohne Schutzmaske

Abgenommen haben Dadic und Fischer den Schutz freilich, als es mit den ersten Sprüngen auf der Weitsprunganlage beziehungsweise den ersten Übungen in der Kraftkammer weiterging. „Ein Training mit Maske wäre unmöglich, das kann sich wohl ein jeder vorstellen, der schon einmal im Supermarkt eine getragen hat. Es ist eine Leistungseinschränkung, auch wenn sie natürlich in gewissen Umgebungen notwendig ist", erklärte Dadic.

Im Sportzentrum NÖ trifft sie aber nur auf Sportler, die sich wie sie selbst praktisch in Selbstquarantäne begeben haben - sie verbrachte die letzten fünf Wochen bei ihrer Mutter in Linz - und auf ihren Trainer Philipp Unfried. Und auch der achtet streng, mit möglichst wenigen Personen außerhalb der Trainingsgruppe in Kontakt zu treten. „Nach menschlichem Ermessen ist diese Trainingsumgebung sicher“, ist Unfried überzeugt und zeigt sich mehr als zufrieden mit den ersten Einheiten seiner Athletin.

„Wir haben in den letzten Wochen so viel Wert auf Grundlagenausdauer gelegt, wie noch nie, und sind dabei in neue Leistungsbereiche vorgedrungen“, hat Unfried die Quarantänezeit mit Heimtraining durchaus auch als Chance begriffen. „Ich glaube, dass wir kaum Leistungseinbußen sehen werden, weil die Athleten schon so viele Jahre Techniktraining hinter sich haben, dass sie in diesem Bereich rasch wieder das Versäumte nachholen können.“ 

Erste Weitsprünge gleich vielversprechend

Aufatmen war trotzdem bei Dadic angesagt, als sie die ersten Sprünge und Kugelstoßversuche hinter sich hatte. „Es hat sich gleich ganz gut angefühlt, obwohl ich nun doch schon lange nicht mehr auf einer Weitsprunganlage trainiert habe.“ Dadic war ja bei der WM in Doha mit einer Zerrung gleich im Hürdensprint liegengeblieben und musste den Wettkampf aufgeben, laborierte danach über den ganzen Winter an dieser Verletzung herum. „Erst unmittelbar vor Quarantänestart war ich wieder völlig fit“, erzählt sie.

Verschiebung der Olympischen Spiele "notwendig"

Dass die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben worden sind, erachtet Dadic als „notwendig". „Alles andere wäre vom Gesundheitsaspekt her verantwortungslos gewesen und hätte sicherlich auch sportlich zu groben Verzerrungen geführt“, betont sie die doch unterschiedlichen Möglichkeiten für Sportler in verschiedenen Ländern. Die meisten Staaten hatten alle ihre Sportstätten zuletzt zwar offiziell geschlossen, aber in den USA sollen beispielsweise Spitzensportler in Atlanta die einstige Aufwärmanlage für die Athleten bei den dortigen Olympischen Spielen 1996 voll genützt haben, wie Philipp Unfried zugetragen wurde.

„Dwight Phillips, der Ivona ja auch als Sprinttrainer unterstützt, hat gemeint, dass in den USA die Coronakrise auch im Spitzensport viel zu lax gehandhabt wurde“, berichtet er. Und Dadic sehnt plötzlich auch die Dopingkontrollen wieder herbei. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sage, weil Dopingkontrollen speziell früh am Morgen ganz schön nerven können, aber ich bin die ganze Zeit kein einziges Mal kontrolliert worden und das stimmt mich im Sinne der Fairness im Sport schon nachdenklich“, plädiert sie dafür, dass WADA und NADA auch ihre Dopingkontroll-Programme rasch wieder hochfahren.

Motiviert auch ohne Großwettkampf

Motivationsprobleme verspürt Dadic nicht, auch wenn sie heuer nicht mehr an die Ausrichtung eines internationalen Großereignisses  glaubt. „Die EM wurde zwar noch nicht abgesagt, allerdings halte ich es persönlich für sehr unwahrscheinlich, dass sie das durchziehen können“, hofft Dadic aber zumindest im Spätsommer noch auf ein paar lokale Meetings und Staatsmeisterschaften.

„Das wäre schon ganz wichtig“, betont auch Unfried, der glaubt, dass sich im nächsten Jahr dann zeigen werde, wer heuer voll im Training durchgezogen hat und wer nicht. „Wer die Zügel heuer schleifen lässt, hat nächstes Jahr bei den Olympischen Spielen in Tokio keine Chance!“ Nachsatz: „Auch darum ist es so wichtig, dass Spitzensportler das Olympiazentrum mit all seinen Möglichkeiten wieder nützen können.“

Als besonderen Vorteil in St. Pölten erachtet Dadic die Ruhe hier. „In Linz sind deutlich mehr Sportler gleichzeitig auf der Anlage, da kann man auch nicht den Abstand einhalten.“ Aus diesem Grund hält Unfried es auch nicht besonders drängend, dass der Breitensport sofort wieder voll hochgefahren wird. „Auf den Sportanlagen wird es sonst zu eng und dann ist die Ansteckungsgefahr gleich wieder groß“, befürchtet er.

Öffnung für Breitensport soll bald folgen

Danninger betont aber die Wichtigkeit, dass ab 1. Mai auch das Betretungsverbot für Freiluft-Sportstätten entfällt, insofern bei der Ausübung der jeweiligen Sportart die Einhaltung des Mindestabstandes von zwei Metern gewährleistet ist. „Die Coronakrise und die damit verbundenen Einschränkungen wirkten sich in den letzten Wochen auch negativ auf das Bedürfnis der Menschen nach einem gesunden Maß an Sport und Bewegung aus. Nun ist es wichtig, dass das Sportleben stufenweise wieder hochgefahren wird“, findet er. Mannschafts-, Indoor- und Kampfsportarten müssen sich aber weiterhin in Geduld üben.

"Fischers" bleiben fokussiert

Weniger als andere von der Quarantäne und vom Betretungsverbot von Sportstätten betroffen war sicherlich Sarah Fischer. Österreichs Ausnahmegewichtheberin, die im Vorjahr die Sporthandelsschule in St. Pölten absolviert hat und sich heuer voll auf die Olympischen Spiele in Tokio konzentrieren wollte, fand im Keller sowie auch Outdoor im Haus ihrer Familie sehr gute Trainingsmöglichkeiten vor. Außerdem ist Vater Ewald gleichzeitig ihr Trainer, der  auch im Sportleistungszentrum St. Pölten alle Gewichtheber betreut.

„Trotzdem ist es daheim schon viel zäher und die Motivation hier im Olympiazentrum eine ganz andere“, erklärt sie. „Man hat hier die unterschiedlichsten Hanteln und Gewichte sofort griffbereit, trainiert bei perfekter Raumtemperatur und kann daher viel eher an die Leistungsgrenze gehen“, sagt sie. „Und besonders als die Olympischen Spiele abgesagt waren, hatte ich daheim schon ein wenig Motivationsprobleme“, gesteht sie. „Zuerst wollte ich nach Kolumbien fliegen, war praktisch schon am Weg zum Flughafen, als alles gestrichen wurde und dann kam auch noch die Tokio-Absage hinzu, das war bitter! Und es ist schwierig voll durchzuziehen, wenn man wenig Chancen sieht, dass es heuer überhaupt noch einen Wettkampf geben wird.“ Ihr Vater Ewald ist sogar punkto Tokio im nächsten Jahr skeptisch!

„Ich bin neugierig, wie das gehen soll, weil die haben ja die 11.000 Wohnungen des kompletten Olympischen Dorfs ab September schon verkauft“, fragt er sich, wo die Athleten überhaupt nächstes Jahr wohnen werden. „Und auch der Virus ist bis nächstes Jahr sicher noch nicht verschwunden“, befürchtet Ewald Fischer weiterhin internationale Reisebeschränkungen. „Aber wir dürfen uns davon nicht irritieren lassen, müssen weiter fokussiert bleiben.“ Sagt’s und steckt der Tochter die nächsten Gewichte an die Hantel. Und die zieht wie immer begeistert voll an. „Ah, das war zu hoch, das hättest jetzt selbst nicht geglaubt“, lacht der Vater, als Sarah das Gewicht fast über ihren Kopf hoch schmeißt. Die Form scheint zu passen!