St. Pöltner Kurden-Familie: „Wir bangen um Schwester“. St. Pöltner Kurden mit syrischen Wurzeln sorgen sich um ihre Verwandten im Krisengebiet.

Von Martin Gruber-Dorninger. Erstellt am 15. Oktober 2019 (16:28)
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Die kurdische Familie Gargari lebt in St. Pölten und bangt um das Leben von Verwandten in Syrien. privat

In jeder freien Minute sitzt die kurdische Familie Gargari derzeit vor dem Fernseher in ihrer Wohnung in St. Pölten. So viele Details wie möglich von der Situation in Nordsyrien nach dem Beginn der türkischen Militäraktion versucht sie in den Nachrichtensendungen zu erfahren. Die Mutter der Familie, Rofand Mohammad, hat eine Schwester in diesem Gebiet. Sie ist mit ihren vier Kindern, eines davon behindert, auf der Flucht. „Es ist eine Katastrophe. Wir bangen um die Schwester“, sagt Familienvater Kawa Gargari, der seit Jahrzehnten in St. Pölten lebt und seit 20 Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft hat.

Wie viele Kurden in St. Pölten leben, ist schwer zu sagen, da ethnische Gruppen in Statistiken nicht erfasst werden, nur Staatsbürgerschaften. „Ich schätze, dass in St. Pölten etwa 500 Kurden zuhause sind“, so Gargari. Vor einigen Jahren sind bereits Verwandte wegen des Bürgerkriegs aus Syrien hierher geflüchtet, doch einige sind noch im Krisengebiet. Die Schwägerin wohnte weniger als 20 Kilometer von der umkämpften Stadt Ras al-Ain entfernt.

Ali Firat: „Europa schaut nur zu“

„Sie konnte sich vorläufig in Sicherheit bringen“, ist Gargari etwas beruhigt über die derzeitige Situation seiner Verwandten, die Ras al-Ain verlassen haben. So wie bereits mehr als 100.000 Flüchtlinge. Das bestätigt Thomas Schmidinger, Nahost-Experte, der auch eine Ausstellung mit Bildern aus der Region im SP-Parlamentsclub zeigte, auf NÖN-Anfrage. „Aus Ras al-Ain ist fast die gesamte Zivilbevölkerung geflohen. Die Stadt stand massiv unter Artilleriebeschuss und Bombardements durch die Türkei.“ Bodentruppen seien ebenfalls im Einsatz, gestützt durch Hilfstruppen mehr oder weniger islamistischer Milizen.

Ali Firat ist SP-Gemeinderat in St. Pölten, seine Großeltern sind kurdischstämmig. Erst vor wenigen Tagen war er in Istanbul. „Europa schaut nur zu. Das kann uns in Österreich aber auch treffen, denn in diesem umkämpften Gebiet sind IS-Gefangenenlager, die von Kurden verwaltet werden. Es ist zu befürchten, dass diese Gefangenen nach Europa kommen könnten“, meint Firat. Laut Schmidinger sind aus dem Lager Ain Issa alle geflohen. „Angeblich haben die sich bereits wieder gruppiert und eine Fahne mit ,Willkommen im IS’ gehisst.“

Als Obmann des St. Pöltner Vereins für österreichisch-türkische Freundschaft hat Ekrem Arslan das Fest der Begegnung mitorganisiert. Der türkischstämmige St. Pöltner stellt fest: „In und um die Stadt leben Türken und Kurden friedlich zusammen. Natürlich gibt es darunter ethnisch-nationalistisch denkende Gruppen, aber das Verhältnis ist hier nicht schlecht“, appelliert er, die Differenzen im Dialog zu lösen.