Wo das Schnitzel in der Region St. Pölten herkommt. Der Bezirksbauernkammerobmann zeigt moderne Schweinehaltung und erklärt, warum Ferkelglück nicht billig ist.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 02. Mai 2021 (03:07)
Strohhaltung bedeutet mehr Tierwohl, aber auch mehr Aufwand. Die Bereitschaft von Handel und Konsumenten, dafür zu bezahlen, ist laut Bezirksbauernkammerobmann zu gering.
NOEN

Zagging in der Gemeinde Obritzberg-Rust, wenige Meter von der Landeshauptstadt entfernt; 138 Einwohner, 5.000 Schweine. Ein gepflegter Hof nach dem anderen in der Hofstraße. Bei Nummer 32 habe ich mein Ziel erreicht: den Zucht- und Mastbetrieb von Anton Kaiblinger.

Die Hoftüren stehen offen. Ich bin der Einladung des Bezirksbauernkammerobmanns gefolgt, um mir ein Bild von der heutigen Nutztierhaltung zu machen. Kurz nachdem grausige Bilder aus einem anderen Betrieb im Bezirk für eine erneute Diskussion um das Tierwohl gesorgt haben.

NOEN

Verletzte Schweine, Ferkel, die ohne Sedierung kastriert werden oder im Abfall landen, eingepferchte Sauen – so zeigen die vom „Verein gegen Tierfabriken“ veröffentlichten Bilder die moderne Schweinehaltung. Die Behörde hat bei der folgenden Kontrolle keine Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt. Nach dem „Skandal“ war es Kaiblinger ein Anliegen, mir zu zeigen, woher das meiste Schnitzelfleisch kommt. Und das mir als eingefleischter Vegetarierin.

„Das, was von Tierschützern als Tierquälerei betitelt wird, entspricht oft dem Tierschutzgesetz.“ Anton Kaiblinger, Bezirksbauernkammerobmann

„Das Problem ist die Werbung. Es wird dem Konsumenten etwas vorgegaukelt, was es in der konventionellen Tierhaltung heute kaum noch gibt“, stellt Kaiblinger klar. Landidylle habe nur bedingt etwas mit moderner Nutztierhaltung zu tun. Ehrlichkeit gegenüber dem Endverbraucher sei ihm wichtig, daher öffnete er mir seine Hoftüren.

Kaiblinger fährt nicht mit dem Fahrrad durch die Gegend, begleitet von seinem Lieblingsferkel. Seine Schweinderl liegen nicht auf der grünen Wiese. Er hat 100 Zuchtsauen, 150 Mastschweine und zwei Zuchteber – in reiner Stallhaltung. Abhängig vom Stalltrakt werden sie auf Vollspaltenboden, einige auf Vollspalten mit Betonboden gehalten. Manche Zuchttiere dürfen zeitweise auf Stroh liegen.

Strenge Kontrollen im AMA-Betrieb

Kaiblinger führt einen AMA-Betrieb. Das Gütesiegel der Agrarmarkt Austria garantiert „geboren, gefüttert und geschlachtet in Österreich“. „Die Kontrollen der AMA sind streng“, meint er. Unabhängig davon kommt der Tierarzt regelmäßig. Alle Schweine müssen gesund sein. Impfprogramme sind wichtig. Aufgabe des Veterinärs ist es, Landwirte auf Probleme hinzuweisen. „Das, was von Tierschützern mitunter als Tierquälerei betitelt wird, entspricht oft dem geltenden Tierschutzgesetz“, merkt er an.

Landwirte gezielt an den Pranger zu stellen, verurteilt er, auch das heimliche Anfertigen von vermeintlichem Beweismaterial. „Irgendwann werden wir selbst Kameras in unseren Ställen aufhängen müssen, um uns zu schützen“, befürchtet er. Ein Stall sei Privatbereich. „Fachkundige Kontrollorgane wie der Amtstierarzt sind vorgesehen, Missstände zu melden.“

Dann geht es in den Stall. Nicht nur wegen Corona achten wir auf Hygiene, sondern vor allem aufgrund von Gefahren wie der Afrikanischen Schweinepest. Nur mit Plastikpatschen darf ich die Stallungen betreten. Ich sehe Zuchtsauen in Abferkelboxen, engen Gitterkäfigen. Ein verstörender Anblick, aber konform mit dem Tierschutzgesetz. Im Kastenstand kann die Muttersau liegen und stehen. Umdrehen ist nicht möglich. „So wird die Gefahr verringert, dass sie ihre Ferkel erdrückt“, erklärt Kaiblinger.

Das kommt bei bis zu 15 Ferkeln pro Wurf immer wieder vor. Die Ferkel können sich im minimalen Rahmen bewegen. Bei Um- und Neubauten werden zum Teil erweiterte Abferkelboxen installiert. Dann haben die Tiere mehr Platz. Eingesperrt hinter Eisenstangen bleibt die Zuchtsau dennoch, derzeit sind vier Wochen erlaubt. So lange müssen die Ferkel bei der Mutter bleiben. Danach kommt die Muttersau wieder zu den Ebern für die nächste Bedeckung, die Ferkel zur Aufzucht in einen anderen Stalltrakt.

Anton Kaiblinger in seinem Stall bei einer der von Tierschützern kritisierten, aber legalen Abferkelboxen.
Gila Wohlmann, Gila Wohlmann

Wir gehen ins obere Stockwerk, schauen uns einen Ferkelbereich an. Hektisches Getümmel, als mich die Tiere erblicken. Trotz der vielen Tiere ist auch hier kaum Schwein zu riechen. Dafür sorgt die moderne Entlüftung. Die Ferkel haben ein Kauholz zur Beschäftigung. Ein wenig Stroh bekommen sie zum Knabbern. Die Schwänze aller Ferkel sind kupiert. Auch erlaubt. Das verhindert, dass sie sich aufgrund des Baby-Saugreflexes gegenseitig anbeißen. „Da gibt es sonst schwere Entzündungen bis in die Wirbelsäule“, erklärt Kaiblinger den Grund für den Eingriff, den der Landwirt selber durchführen darf.

Der Stalltrakt ist sauber. Der Kot fällt durch die Spalten. Tägliches Ausmisten mit Mistgabel und Scheibtruhe gibt es nicht. Das erledigen die Kaiblingers mit dem Hochdruckreiniger, wenn die Tiere den Stallbereich verlassen. Nach vier Monaten werden sie dem Mäster übergeben, ein Teil wird selbst sechs Monate weitergefüttert. Die Fütterung ist voll automatisiert. 100.000 Euro hat Kaiblinger investiert. Mindestens zweimal täglich muss er trotzdem in den Stall. Da werden alle Tiere kontrolliert.

Verletzte Schweine sehe ich bei meinem Rundgang nirgends. „Das kann es aber geben“, weiß Kaiblinger. Wenn man Tiere zusammengewöhnt, gibt es Rangordnungskämpfe. Kratzer sind schnell passiert. „In fast jedem Stall kann man etwas ankreiden, auch wenn sich der Bauer noch so bemüht“, sagt Kaiblinger. Er zeigt mir zwei Ferkel. Die sehen etwas dünner aus als die anderen, obwohl sie dasselbe Futter erhalten. Sie werden voraussichtlich notgetötet. Nur gesunde Schweine landen auf dem Teller. Tierquälereien wie Vernachlässigung gehören natürlich angezeigt, betont er.

„Für Tierwohl fehlt der Absatzmarkt“

Sind Tierwohlställe und Bio-Haltung nicht der richtige Schritt in die Zukunft, möchte ich wissen. „Es fehlt an Absatzmärkten; diese Haltungsformen werden von Handel und Konsumenten viel zu wenig honoriert, die Abschläge für den Bauern sind zu groß“, bedauert er. Für den Großteil entscheide der Bestpreis. Der passe nicht mit artgerechter Tierhaltung zusammen. Diese sei aufwendiger. Die Einnahmen sind im Corona-Jahr 2020 weiter gesunken. Früher gab’s 180 Euro pro schlachtreifer Sau, jetzt sind es 130 Euro. Was würde passieren, wenn er alle Schweine im Freilauf halten würde? „Mitten im Ort? Die Geruchsbelästigung wäre den Bürgern nicht zumutbar“, ist Anton Kaiblinger überzeugt.

Vor 20 Jahren gab es elf Schweinebauern in Zagging. Heute sind es noch vier. Dass es wieder mehr werden, glaubt er nicht. Vor allem, wenn die Auflagen strenger werden, der Ertrag aber sinkt. Sohn Markus setzt auf Mastputen. Ein Tierwohlstall mit überdachtem Auslauf für 11.000 Tiere ist in Bau. Die Nachfrage nach Putenfleisch steigt, derzeit werden 60 Prozent importiert. Das soll sich durch Investitionen heimischer Bauern ändern.

Mit dem Bild vieler Ferkel im Kopf, die ich lieber bis ans Lebensende auf einer Wiese laufen sehen würde, frage ich: „Glauben Sie, dass Ihre Schweine glücklich sind, Herr Kaiblinger?“ „Ja, es geht ihnen gut. Ein guter Bauer mag seine Tiere, auch wenn er sie verwertet“, betont er. Trotz unterschiedlicher Vorstellungen von Tierhaltung sind wir einer Meinung: Werbung mit glücklichen Schweinderln und gleichzeitig Billigpreis-Schnitzel mögen wir beide nicht. Weder der Schweinezüchter noch ich, die Fast-Veganerin.