Er war der Kanzler aus St. Pölten. ST. PÖLTEN | Julius Raab starb vor 50 Jahren. Er prägte Österreich und hinterließ auch in der Heimat viele Spuren.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 13. Januar 2014 (07:52)
NOEN, APA/Vogelsang-Institut
Julius Raab bei der ersten Parteivorstandssitzung der ÖVP im April 1945 (Dritter von rechts) - im Bild auch Leopold Figl (Mitte), der in St. Pölten ins Gymnasium ging.
Von Daniel Lohninger

Er war Baumeister, er war Heimwehrführer, er war im Widerstand gegen das NS-Regime, er war Wirtschaftskammergründer, er war Staatsvertragskanzler und er war auch eines – Julius Raab war St. Pöltner. Am vergangenen Mittwoch jährte sich sein Todestag zum 50. Mal. Gedacht wurde seiner aus diesem Anlass unter anderem mit einem Gottesdienst im Dom und einer Weintaufe.
Einen Platz in der Geschichte sicherte sich der 1891 in die St. Pöltner Baumeisterfamilie Wohlmeyer hineingeborene Julius Raab mit der Unterzeichnung des „Moskauer Memorandums“ – der Voraussetzung für den Staatsvertrag.

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„Österreich wird frei sein!“, verkündete Raab am 15. April 1955 am Flughafen in Bad Vöslau. Und wenige Tage später auch in seiner Heimatstadt, wie sich der langjährige NÖN-Chefredakteur-Stellvertreter Franz Inreiter erinnert – bei einer Staatsvertrags-Kundgebung im damaligen Stadttheater. Inreiter selbst hat an den Tag nicht die besten Erinnerungen: Er hatte angesichts des feierlichen Anlasses ein Tonbandgerät – damals eine Riesen-Kiste – mitgenommen, um Raabs Rede aufzuzeichnen. „Es war dann ein enormer Aufwand, diese Kassetten wieder abzuspielen. Ich habe das nie wieder gemacht“, so Inreiter.

Inreiters Eltern waren Hausmeister bei Raab

Inreiters Eltern waren übrigens Hausmeister in Raabs Elternhaus in der heutigen Hötzendorfstraße – Inreiter wuchs dort auf. Jahre später traf er Raab als junger Journalist der St. Pöltner Zeitung wieder bei der Stadterhebungsfeier in Wilhelmsburg im Jahr 1959. „Schreib‘ nur guad üba mi“, sagte Raab damals mit einem Augenzwinkern. Diese Art trockenen Humors habe Raab stets ausgezeichnet, erinnert sich Inreiter.
Bis 1961 war Julius Raab als Bundeskanzler tätig, danach dann bis 1964 wieder als Wirtschaftskammer-Präsident. 1947 hatte Raab die Bundes-Wirtschaftskammer gegründet.

Ohne ihn und sein Gewerkschafts-Pendant Johann Böhm gäbe es die Sozialpartnerschaft nicht, erklärt der langjährige NÖN-Chefredakteur Hans Ströbitzer: „Das ist sicher einer der größten Verdienste von Raab.“ Ströbitzer war auch bei einem der letzten Raab-Auftritte dabei – einer Wahlkampf-Veranstaltung im April 1963. Raab war auf Drängen der ÖVP gegen den amtierenden Bundespräsidenten Adolf Schärf angetreten. „Er war damals schon sichtlich gezeichnet. Ich dachte mir nur: Der arme Mensch. Warum tut ihm die ÖVP das an?“ Acht Monate später war der Staatsvertragskanzler tot.

„Wüst wos götn, kummst aus St. Pötn“

In der politischen und historischen Bewertung ist die überaus positive Hinterlassenschaft seines Wirkens als Kanzler und Wirtschaftskammer-Präsident in der Zweiten Republik unbestritten. Unbestritten ist auch Raabs Widerstands-Engagement im Zweiten Weltkrieg: In seiner Wiener Baufirma bot er vielen im NS-Regime Verfolgten eine sichere Zuflucht. Seine Rolle in der Ersten Republik und danach im Ständestaat ist aber nicht unumstritten.

So nannte er den Sozialistenführer Otto Bauer in einer Parlamentssitzung 1930 einen „frechen Saujuden“ und war als NÖ-Heimwehrführer ganz vorne dabei, als es darum ging, den „Korneuburger Eid“ zu schwören – und damit dem Parlamentarismus und dem Parteienstaat den Kampf anzusagen. 1945 verhinderten deshalb die Alliierten, dass Raab von Leopold Figl zum Wirtschaftsminister gemacht wurde.
„Julius Raab war eine Persönlichkeit, die – wie so viele Österreicher – in die Zeitumstände eingebettet war“, erklärt Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ). Unbestritten sei aber dennoch sein besonderer Stellenwert für Österreichs Geschichte. Und auch ein von St. Pöltnern gern zitierter Spruch stammt aus dem Munde Raabs: „Wüst wos götn, kummst aus St. Pötn.“

VP will Raab-Denkmal im St. Pöltner Rathaus

Vizebürgermeister Matthias Adl (ÖVP) bezeichnet Raab als „einen der ganz großen Söhne der Stadt“, der Österreich geprägt habe wie kaum eine andere Persönlichkeit. Adl: „Raab war und ist Vorbild für viele, nicht zuletzt in seiner Liebe zu unserem Land.“ Sein Vorschlag: Die Stadt solle im Rathaus ein Denkmal für Julius Raab schaffen – und dafür einen Künstlerbewerb ins Leben rufen.