St. Pölten

Update am 07. Dezember 2018, 10:10

von Eva Hinterer

32 Tonnen: Riesenschlag gegen Zigarettenmafia. Im Raum St. Pölten wurde die größte jemals in Österreich gefundene Menge an illegalem Tabak entdeckt.

„Alles in diesem Raum ist illegal“, sagt Johannes Pasquali vom Finanzministerium. Er steht mit Zollfahndern und Journalisten in einer kalten Lagerhalle im Raum St. Pölten. Dort stöberten Zollfahnder ein Lager mit 32 Tonnen Tabak auf. Rohtabak, der dort gepresst, mit Aromastoffen versetzt, getrocknet und dann zur Weiterverarbeitung an einen bislang unbekannten Ort gebracht wurde.

Der Zugriff der Fahnder des Zollamtes Eisenstadt Flughafen Wien passierte bereits am 16. November. Er wurde erst jetzt bekannt, auch, weil die Ermittler hinter dem aktuellen Fund ein internationales Netzwerk vermuten, das es noch auszuheben gilt.

„Borneo GmbH.“ – Handel mit Tabakwaren

Acht Mann der Zollfahndung klopften am 16. November an das Tor der Lagerhalle in der Nähe der Landeshauptstadt. Sie hatten Informationen bekommen und ermittelt. „Uns hat eigentlich die Putzfrau hereingelassen“, schildert ein Fahnder. In der Halle wurde gerade ein LKW beladen, zwei Arbeiter und der Fahrer, alle polnische Staatsbürger, waren sehr überrascht vom Besuch der Zollbehörde. Keiner leistete Widerstand.

Die Männer wurden ebenso wie der polnische Mieter der Halle angezeigt. Als offizieller Geschäftsgegenstand der eingemieteten Firma  war „Handel mit Tabakwaren“ angegeben worden. Die Firma ist übrigens in Österreich gemeldet. Ein Zettel mit der Aufschrift „Borneo GmbH“ klebt am Eingang zur Lagerhalle.

Der österreichische Besitzer der Halle wusste übrigens nichts vom illegalen Treiben in seinem Objekt. Wie die Fahnder schildern, dürfte er wenig erfreut gewesen sein, als er davon erfuhr.

Geschnappte Polen nur kleine Fische

Die vier Polen – zwei Arbeiter, ein Fahrer und der Mieter – wurden jedenfalls auf freiem Fuß angezeigt, sie befinden sich in Polen. Dass unter ihnen nicht der große Fisch ist, davon sind die Fahnder überzeugt. Denn mit einer neuen Methode versucht die Tabak-Mafia ihren Verfolgern zu entgehen: Die Produktionsphasen werden entkoppelt, die Schritte, die vom Rohtabak bis zur Zigarette gemacht werden müssen, werden an verschiedenen Standorten gesetzt.

Die Halle in Niederösterreich diente für Phase eins: Aromatisieren, Trocknen, Pressen und Verladen. Der nächste Schritt ist das „Cutting“, denn nach Phase eins sind die Tabakstücke noch sehr groß. Wo dieser Produktionsschritt stattfindet ist ebenso unklar wie der letzte Schritt, bei dem der angereicherte Tabak auf einer Produktionsstraße zur Zigarette gefertigt wird. Die Arbeiter und Fahrer an den einzelnen Produktionsstandorten kennen einander nicht, jeder weiß nur, was er selbst zu tun hat.

5,6 Millionen Euro an Steuerwert

32 Tonnen Tabak ist die Menge, die bei St. Pölten gefunden wurde. Sie hätte für 32 Millionen Stück Zigaretten oder 160.000 Stangen gereicht – pro Zigarette benötigt man rund ein Gramm Tabak. Der Rohstoff selbst hat einen Wert von rund 70.000 Euro, der spätere Verkaufswert ist natürlich ein Vielfaches höher. Ein Beamter des Ministeriums schätzt ihn auf 7,2 Millionen Euro, womit die hinterzogenen Steuern bei rund 5,6 Millionen Euro liegen. Und hieraus ergibt sich auch das Strafdelikt: Abgabenhinterziehung.

Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2017 wurden in Österreich 7,2 Millionen Zigaretten vom Zoll sichergestellt. Der bislang größte Fund datiert aus dem Jahr 2007, damals wurden bei Maria Ellend 20,1 Tonnen Tabak sichergestellt.

1.000 Euro pro Arbeiter

Die Halle bei St. Pölten wurde im Mai angemietet und seit Juni benutzt. Jeweils 1.000 Euro haben die Arbeiter im Monat verdient, „vier bis fünf Tage pro Woche waren sie hier, dann  in Polen“, schildert ein Fahnder. Nachsatz: „Dort verdienen sie 700 Zloty.“ Das sind umgerechnet knapp 165 Euro. Gewohnt und gegessen haben die Arbeiter in der Halle bzw in Nebenräumen.

Die weiteren Ermittlungen haben ergeben, dass der unversteuerte Tabak aus Belgien und Polen nach Österreich geliefert und nach der Bearbeitung in Kleinmengen weiter nach Lettland gebracht wird. Aufgrund der Aussagen der polnischen Mittäter gehen die Zollbeamten von einer Gesamtumschlagsmenge von ca. 300 Tonnen aus. Weitere Ermittlungen in Zusammenarbeit mit den internationalen Behörden sollen den Sachverhalt lückenlos aufklären.

Finanzminister Löger lobt seine Fahnder

„Das ist der bisher größte Schlag gegen die organisierte Zigarettenmafia, die wie ein international tätiger Konzern grenzübergreifend agiert. Unsere Zöllner haben großartige Arbeit geleistet. Dieser Aufgriff ist nur durch ihren professionellen und entschlossenen Einsatz möglich“, lobt Finanzminister Hartwig Löger.

Der letzte Weg des Tabaks

Die illegale Ware wird in den nächsten Tagen aus Niederösterreich nach Wien gebracht und dort in einer Halle der Zollbehörde gelagert. Vernichtet werden darf sie erst, wenn der Fall abgeschlossen ist. Das wird dann durch Verbrennen in der Fernwärme Wien passieren.