Aus SS-Rune wurde Kleeblatt. 42-Jähriger wurde wegen Wiederbetätigung zu zwei Jahren bedingter Gefängnisstrafe verurteilt.

Von Alex Erber. Erstellt am 22. Juli 2019 (17:43)
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Heiß ist es in einem Schwurgerichtssaal im Landesgericht St. Pölten, sehr heiß. Und dennoch sitzt der Angeklagte (42) langärmelig und eingehüllt in eine Jacke vor den acht Geschworenen, einem Ersatzmann, dem dreiköpfigen Richtersenat unter dem Vorsitz von Gerichts-Vizepräsidentin Andrea Humer und seinem Rechtsanwalt. Der Grund: Dem Mann, der in St. Pölten wohnt, wird ein Verbrechen nach dem Verbotsgesetz, im Volksmund Wiederbetätigung, vorgeworfen. Leugnen ist zwecklos: Praktisch am ganzen Körper prangen einschlägige Nazi-Tattoos, die der gebürtige Wiener öffentlich zur Schau gestellt hat und jetzt verbergen möchte.

Auf den ersten Blick handelt es sich um eine klare Sache, aber eben nur auf den ersten Blick: Eben wegen dieser Tattoos ist der Arbeitslose bereits rechtskräftig schuldig gesprochen worden. Zwei Jahre im Gefängnis hat er verbüßt, im August des Vorjahres ist er aus dem Kerker entlassen worden.

Bei der Verurteilung hat es die Justiz seinerzeit nicht für notwendig erachtet, dem Täter die Entfernung oder Überarbeitung der Tattoos anzuordnen.

Auf den Gedanken, dass die „Peckerl“ weg müssen, kam der Mann selbst und sprach diesbezüglich seine Sachwalterin an, in deren Obhut er sich freiwillig begeben hatte, weil er offenbar nicht in der Lage ist, mit Geld umzugehen.

Die Frau meinte aber, dass erst einmal die finanzielle Absicherung der Wohnung und die Suche nach einem Arbeitsplatz Priorität hätten und danach die kostspielige Entfernung der Tattoos ins Auge gefasst werden sollte; ein fataler Fehler, wie sie in einem Schreiben an das Gericht bekannte.

Denn wenig später erhielt der Angeklagte Besuch von der Polizei, die auf der Suche nach einem anderen Mann war und sich in der Tür irrte.

Tattoos sprangen ins Auge

Prompt öffnete der 42-Jährige nichts ahnend in Unterhose und T-Shirt. Den Exekutivbeamten sprangen natürlich sofort die Tattoos ins Auge, eine weitere Anzeige und der neuerliche Weg zur Anklagebank waren damit geebnet.

Wie sieht es nun mit der Geisteshaltung und eventueller Reue des Mannes aus, der insgesamt 17 Vorstrafen aufweist? In seiner Jugend sei er Skinhead gewesen, im Rausch habe er öfters zugeschlagen, bekennt er freimütig. Nun habe er jedoch mit der „Szene“ nichts mehr zu tun, weswegen er auch der gerichtlichen Einziehung von zwei einschlägigen Fahnen, die bei ihm sichergestellt wurden, zustimmt.

Einen Pluspunkt kann der gelernte Maler und Anstreicher sammeln: Eine Woche vor dem Prozess hat er die erste Tätowierung überarbeiten lassen, aus einer SS-Rune wurde ein Kleeblatt.

Nach 55 Minuten war der erste Teil des Prozesses zu Ende, es folgten mehr als zweistündige Beratungen, ehe das Urteil feststand.

Mit 5:3 fällten die Geschworenen einen Schuldspruch für das mächtige Tattoo „88“ am Oberarm (achter Buchstabe im Alphabet, steht in Nazi-Kreisen für Heil Hitler). Dafür kassiert er zwei Jahre bedingte Haft. Freisprüche gibt es sowohl für ein „Keltenkreuz“ und eine Zahlenkombination, die von US-Nazis über den großen Teich gespült wurde.

Als mildernd wertete Richterin Humer die „eingeschränkte Persönlichkeit“ des Mannes sowie seine „zart aufkeimende Resozialisierung.“

Der Angeklagte nahm das Urteil ohne zu zögern an, die Staatsanwältin gab jedoch keine Erklärung ab: nicht rechtskräftig.