Erfinderischer Zeuge widerlegt sich selbst. Ein 14-Jähriger gibt an, von einem älteren Jungen mehrmals erpresst und beraubt worden zu sein – beweisen kann er es nicht. Das Verfahren endet mit einem Freispruch.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 28. Oktober 2020 (06:59)
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Ob überhaupt irgendetwas passiert ist, wissen Richter und Geschworene am Ende der Verhandlung nicht. Hat der Zeuge, der im Mai in Traismauer von einem Unbekannten erpresst, bedroht und verletzt worden sein soll, seine Geschichte nur erfunden? Von Dezember 2019 bis Mai 2020 soll ein älterer Junge dem Betroffenen mehrmals Geld abgenommen und ihm damit gedroht haben seiner kleinen Schwester wehzutun. Er soll auch dessen Handy und Fahrrad beschädigt und ihn gestoßen haben.

Auf den Lichtbildern, die ihm die Polizei mehrmals vorgelegt hat, konnte der Zeuge seinen Angreifer aber nicht eindeutig identifizieren. Der Angeklagte ist ein sechzehnjähriger Lehrling, der bereits in einem anderen Fall wegen Raubes verurteilt wurde. An diesem Tag ist er aber auf Verdacht hier, der Zeuge ist sich nicht sicher, ob tatsächlich er es war.

Der Angeklagte sagt, er ist unschuldig: „Ich versuche gerade mein Leben in den Griff zu bekommen. Ich habe eine Lehre angefangen und den L17 und das will ich nicht verlieren.“ Im Oktober hatte er mit der Bewährungshilfe angefangen. Seine Verteidigerin spricht davon, dass er bei dem anderen Fall vor einigen Monaten keine Perspektiven gehabt hätte, sich mittlerweile aber geändert hat. Glaubwürdig wirkt er jedenfalls. Er spricht ruhig und vernünftig und beantwortet alle Fragen sehr bemüht.

Zeuge erzählt mehrere Versionen

Der vierzehnjährige Zeuge hingegen widerspricht sich in seinen Aussagen. Auch die Geschworenen fragen skeptisch nach. Es ist dem Zeugen sichtlich unangenehm. Er spricht mit sehr leiser Stimme und betont mehrmals, dass er gar nicht zur Polizei gehen wollte, seine Mutter aber darauf bestanden habe. Er habe sich nicht mehr in die Schule getraut, obwohl der Unbekannte gar nicht auf seine Schule gegangen sein soll.

Schlussendlich gibt er zu, dass der Unbekannte ihm nicht 300 sondern 50 Euro abgenommen hätte und ihn nicht sechsmal, sondern zweimal bedroht hätte. Bei der Farbe des Mopeds des Unbekannten ist er sich nicht mehr sicher. Zuerst dachte er, es sei schwarz gewesen, im Zeugenstand sagt er, es war rot.

Am Ende wird der Beschuldigte in allen Anklagepunkten freigesprochen. „Der Zeuge war sehr unglaubwürdig. Vielleicht hat er das alles erfunden, um sein Schuleschwänzen, oder zu viel ausgegebenes Geld zu rechtfertigen“, begründet das der Richter. Der Angeklagte atmet auf. Seinen L17 wird er jetzt wohl fertigmachen können.