St. Pöltner Bilanz: Digital gibt es noch Lernbedarf. Ein ungewöhnliches Schuljahr ist zu Ende. Die NÖN fragte Direktoren, Lehrer, Schüler und Eltern, wie es ihnen ergangen ist.

Von Caroline Böhm. Erstellt am 08. Juli 2020 (05:23)
Nach der Zeugnisvergabe stürmen die BRG/BORG-Schüler Sebastian Waitzer, Gabriel Radic und Filip Kasic (von links) in die Sommerferien.  Foto: Böhm
Caroline Böhm

Endlich durchatmen können Schüler, Lehrpersonen und Eltern. Ob Videokonferenz oder E-Learning – alle mussten in den vergangenen Monaten dazulernen.

Für Silvia Klimek, Direktorin des Gymnasiums Josefstraße, war die letzte Zeit fordernder als der jahrelange Umbau ihrer Schule. Da freute das Feedback der Eltern besonders: „Mails kriegen wir viele, aber selten so viele positive.“

Ihrem Lehrpersonal sei die ständige Erreichbarkeit an die Substanz gegangen. Gleichzeitig hat eine schulinterne Umfrage ergeben, dass nicht jeder Schüler über die notwendige Ausstattung für Homeschooling verfügt. Also habe sie „schnell und unbürokratisch“ die Schul-Laptops verliehen. Künftig will sie verstärkt digitale Komponenten in den Unterricht integrieren, beispielsweise Abgaben über die Plattform „Moodle“.

Wunsch an Lehrer: Einheitlichkeit

„Die Digitalisierung wird nach dieser Krise ein Hauptpunkt an Schulen sein“, ist sich auch Schülervertreterin Fatma Cayirci sicher. Am Schulzentrum Eybnerstraße gibt es regulären Informatik-Unterricht, daher habe die Umstellung auf Homeschooling „ganz okay“ funktioniert. „In den ersten Wochen war es kompliziert. Aber irgendwann lernt man, damit umzugehen“, erzählt die 19-Jährige.

Über die Ferien wird die digitale Infrastruktur nachgebessert: Alle Schüler erhalten eine E-Mail-Adresse und Zugang zum Programm „Teams“. „Viele sind selbstständiger geworden. Zeitmanagement war sicher auch ein wichtiger Punkt“, resümiert sie das Schuljahr.

Katharina Fuxsteiner erlebte den technischen Umstieg nicht als drastisch. Beschwerden erhielt die Schülervertretung der HAK allerdings wegen der Aufgabenmenge und der kurzen Fristen einiger Lehrpersonen.

Sollte es noch einmal zu einem Lockdown kommen, wünscht sich die 16-Jährige vor allem eine einheitliche Plattform: „Die einen schicken Aufgaben via E-Mail, die anderen über ,Teams‘. Irgendwann verliert man auch als gut organisierte Schülerin den Überblick.“

Außerdem befürchtet sie, dass es künftig Probleme mit dem aufbauenden Stoff geben wird: „Das Grundgerüst ist nicht sehr stabil. Man merkt schon jetzt, dass die besseren Schüler weniger Fragezeichen im Gesicht haben.“ Ein Gutes hätten die letzten Monate aber gehabt: „Viele haben begonnen, die Schule zu schätzen.“

„Viele können Apps bedienen, sind ansonsten aber digitale Analphabeten.“Sophie Blohberger, Lehrerin NMS Körner IV

Dieselbe Beobachtung machte Sophie Blohberger, Lehrerin an der Neuen Mittelschule Dr. Theodor Körner IV. „Alle waren so glücklich, dass sie wieder da sein durften.“ Außerdem hätten ihre Schüler gelernt, selbstständig zu arbeiten und Verantwortung für ihre Bildung zu übernehmen.

Sie selbst ist nach diesem Schuljahr jedoch ernüchtert vom tatsächlichen Ausmaß der Digitalisierung: „Viele können Apps bedienen, sind ansonsten aber digitale Analphabeten.“ Außerdem fehlten zuhause Geräte oder mussten geteilt werden.

Blohberger war es daher wichtig, konstant Feedback einzuholen und zu überlegen, wie sie als Lehrerin unterstützen kann, „damit jeder mitmachen kann und niemand allein gelassen wird.“ Sie plädiert dafür, diese Kompetenzen künftig aufzuarbeiten: „Es bräuchte eine Grundausstattung an jeder Schule, um digitale Grundbegriffe und Grundfunktionen lehren zu können.“

„Ich glaube, in dieser Zeit trägt jeder Verantwortung – für sich selbst und für die Gesellschaft.“Fatma Cayirci

Mit einer digitalen Lernplattform mussten sich die Kinder an der Volksschule Grillparzer 1 nicht auseinandersetzen, erzählt Elternvertreter Siegfried Kamper. Seine 10-jährige Tochter arbeitete stattdessen Aufgabenzettel ab.

„Um den Kontakt zu halten“, gab es wöchentliche Videokonferenzen und virtuelle Geburtstagsfeiern mit der Klassengemeinschaft. Homeoffice und bohrende Fragen zur Matheaufgabe – rückblickend war die notwendige Abgrenzung anstrengend für den Magistratsmitarbeiter. Gleichzeitig habe seine Familie aber gelernt, flexibel mit der Situation umzugehen.

Alle eint der unsichere Blick in den Herbst. Fatma Cayirci hofft, dass die gegenseitige Rücksichtnahme bestehen bleibt. „Ich glaube, in dieser Zeit trägt jeder Verantwortung – für sich selbst und für die Gesellschaft.“

Die 19-jährige Schülerin kommt nächstes Schuljahr in die Abschlussklasse und hat noch viele offene Fragen: „Wird die Vormatura im September stattfinden? Und wie wird sie beurteilt?“ Lehrerin Sophie Blohberger bleibt motiviert: „Wir müssen mit dem arbeiten, was kommen wird. Und ich weiß, dass meine Schüler das bewältigen werden.“

Umfrage beendet

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