Stadt für Mensch statt für Auto: Zukunft des Verkehrs in St. Pölten

Erstellt am 06. Juli 2022 | 05:12
Lesezeit: 5 Min
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So wird der Europaplatz nach den umfangreichen Umbauten aussehen.
Foto: Visualisierung: Jonecko
Pkw soll raus der Stadt St. Pölten. Sicherer, einfacher und grüner wird der Europaplatz.

St. Pölten wächst und wächst. Mit vielen Auswirkungen dieser Entwicklung hat sich die NÖN vergangenes Monat im Schwerpunkt zum Thema Wohnen beschäftigt.

Weiter geht es in diesem Monat mit dem Schwerpunkt Verkehr in der größer werdenden Mittelstadt. In dieser Woche liegt der Fokus auf dem motorisierten Individualverkehr. Einen eigenen Artikel bekommen in den nächsten Wochen der Öffentliche Verkehr sowie Radfahren und Zufußgehen.

47.993 motorisierte Fahrzeuge sind in St. Pölten zugelassen, 33.180 davon sind Pkw. Sie sind unterwegs auf fast 90 Kilometern Landesstraßen und rund 39 Kilometern vom Land betreuten Bundesstraßen sowie 415 Kilometern Gemeindestraßen, die gemeinsam das Wegenetz der Stadt bilden.

„Es geht nicht darum, das Auto abzuschaffen“

Lange war das Auto an der Spitze der Mobilitätshierarchie, erzählt Stadtplaner Manuel Hammel. Dieser Ansatz wird jetzt umgedreht. Im neuen Masterplan aktive Mobilität rückt der fossile Individualverkehr an die letzte Stelle. „Es geht nicht darum, das Auto abzuschaffen, sondern in gewissen Bereichen eine menschenfreundliche Umwelt zu schaffen und das Auto aus den verdichteten Innenstädten herauszuhalten.“ Die Stadtplanung beginnt heuer noch mit dem Konzept, das auf einem Grundsatzbeschluss des Gemeinderats beruht.

Während das Auto also an Bedeutung verlieren soll, wünschen sich viele St. Pöltnerinnen und St. Pöltner gleichzeitig mehr Parkplätze, wie in der großen NÖN-Umfrage herauskam.

„Das kommt ja aus einem Zwang heraus, weil sie keine wirkliche Wahlfreiheit haben“, sagt Hammel. Denn, auch das zeigte sich in der Umfrage: Hätten sie die Möglichkeit, würden mehr Personen auf die Öffis oder das Fahrrad umsteigen. Die Stadtplanung muss den Spagat schaffen, eine Verkehrsform unattraktiver zu machen, und die andere gleichzeitig zu attraktivieren. Das ist schwierig: Jahrelang wurden Städte für das Auto gebaut mit Einkaufszentren an den Stadträndern und Baugründen ohne öffentliche Anbindung. Obwohl so viel mit dem Auto gefahren wird, sind die zurückgelegten Wege aber nur wenige Kilometer kurz, wie Statistiken zeigen, und wären damit leicht anders bewältigbar. Pkw sind bei Fahrten durchschnittlich nur mit 1,2 Personen besetzt.

Verkehrsberuhigung: Alles steht und fällt mit S 34

Ein wesentlicher Punkt für den Masterplan aktive Mobilität sind die Umweltverbund- beziehungsweise Lebensraumachsen. Die Kremser Landstraße oder die Josefstraße sollen „menschenfreundlich“ umgestaltet werden: viel Grün, viel Fuß- und Radverkehr. Die Idee ist eine Verlagerung des Transitverkehrs aus der Stadt und damit eine Verkehrsberuhigung auf jetzt stark befahrenen Routen. Dieses Konzept hängt aber maßgeblich von der S 34 ab, und die hängt in der Luft.

„Ich kann nur mit Szenarien planen. Wenn die S34 kommt, dann kommt das Generalverkehrskonzept zu tragen, wenn sie in abgespeckter Form kommt, müssen wir uns anpassen, wenn sie gar nicht kommt, überlegen, welche Möglichkeiten bieten sich, damit wir trotzdem zu einer Verkehrsberuhigung kommen.“

Europaplatz neu als Vorzeigeprojekt

Eines der größten Projekte in der Stadtplanung ist die Umgestaltung des Europaplatzes. Viele Jahre war er ein Unfallhäufungspunkt. „Es gab zwar kaum Personenschäden, aber viele Sachschäden“, weiß Planer Dieter Nusterer von Zieritz und Partner. Das Ingenieurbüro zeichnet für die Planungsarbeiten sowie der Unterstützung beim Bau verantwortlich. „Ich habe mir genau angesehen, wo die Probleme liegen. Viele waren einfach überfordert von der Fülle an Spuren, Schildern und Ampeln“, beschreibt Nusterer seine Erfahrungen. Aus der Abfolge von Ampeln wird nun ein vierstrahliger Knoten. Neu ist, dass man zwar aus allen Richtungen zum Linzer Tor fahren kann, von dort weg ist jedoch nur die Fahrt Richtung Norden möglich. Es entstehen Radfahrerüberfahrten und Gehwege. „Die Kreuzung wird innen kompakt, an den Ecken entstehen aber großzügige Grünflächen“, erklärt Nusterer. Derzeit befindet sich der Bau in Phase eins. Die Ampeln, die nun auf Betonblöcken sitzen, können jetzt nach Baufortschritt verschoben werden. Besonders herausfordernd sind die regelmäßigen Sondertransporter der Firma Voith. „Durch die gute Abstimmung gab es aber noch keine Probleme“, so Nusterer. Der neue Europaplatz bekommt eine Betonfahrbahn, weil diese eine höhere Lebensdauer hat.

Der Europaplatz soll also sicherer, einfacher sowie radfreundlicher und attraktiver für Fußgeher werden. Mehr Kapazitäten für Autos schafft er nicht. Denn der Individualverkehr soll ja schließlich reduziert werden. Dazu trägt auch Home Office seinen Teil bei. Wobei: „Das ist ein zweischneidiges Schwert. Mehr Home Office ist gut, weil weniger Individualverkehr. Aber das bedeutet auch weniger Nutzung von Öffentlichem Verkehr, der eine gewisse Auslastung braucht“, sagt Stadtplaner Hammel. Genauso differenziert muss das E-Auto betrachtet werden: „Es wird uns in gewissen Bereichen helfen, aber es löst nicht das Problem der Fläche. Ein Auto braucht immer noch 10 bis 12 Quadratmeter.“ 218 Ladepunkte an 44 Standorten gibt es in St. Pölten.

Der Schwerpunkt Verkehr gipfelt in einer Podiumsdiskussion am Donnerstag, 28. Juli, um 19Uhr in der Fahrschule Sauer.