Als Bub beim Lager-Bau dabei

Erstellt am 28. August 2017 | 17:09
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Links ist eine der Baracken, die vom Grabungsteam bereits freigelegt wurde. Hundert Zwangsarbeiter lebten auf diesen paar Quadratmetern. Rechts zusehen ist eine Luftaufnahme aus dem Jahr 1945, auf der sechs Baracken im Zwangsarbeiterlager dokumentiert ist.
Foto: NOEN, Medienservice der Stadt St. Pölten
Seit 1964 lebt Oswald Lackinger in Australien. Ein NÖN-Bericht weckte alte Erinnerungen.

600 Zwangsarbeiter waren von 1943 bis 1945 in dem Barackenlager in der Austraße interniert. Seit einigen Wochen laufen vor dem Start des hier geplanten Wohnbau-Projekts archäologische Grabungen, die neue Erkenntnisse bringen sollen. Darüber berichtete die NÖN vor einigen Wochen ausführlich und erhielt daraufhin jetzt eine E-Mail aus Australien.

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Oswald Lackinger erinnert sich an seine Kindheit in St. Pölten.
Foto: NOEN

„Der Artikel hat mir wieder viele Ereignisse in Erinnerung gebracht“, erklärt Zeitzeuge Oswald Lackinger. Der gebürtige St. Pöltner lebt seit 1964 in der 250.000-Einwohner-Stadt Wollongong südlich von Sydney und liest regelmäßig auf NÖN.at die wichtigsten Nachrichten aus seiner alten Heimat. So stieß er auf den Bericht über „Korea“, wie das Barackenlager genannt wurde. Der heute 78-Jährige kann sich noch gut an den Winter 1942/43 erinnern: Damals arbeitete sein Vater als Maurer an der Errichtung des Barackenlagers mit. Der ganze Bereich zwischen Bahn und Traisen war Au-Gebiet.

„Ich bin mit meinem Vater öfter von unserem Haus in der Austraße – damals hieß sie noch Augasse – zu den Baracken gegangen. Er hat dort die großen Öfen angeheizt, um die neu errichteten Gebäude auszutrocknen“, berichtet Lackinger. Wenige Wochen später wurden Zwangsarbeiter in den sechs Baracken interniert, hohe Stacheldrahtzäune schirmten sie von der Umgebung ab. „Ich weiß noch, dass viele Gefangene unter Bewachung an unserem Haus vorbei jeden Tag von der Glanzstoff wieder zurück in die Baracken marschierten“, blickt Lackinger zurück.

Wenig Kontakt zu Baracken-Bewohnern

Nach Kriegsende internierte die russische Verwaltung in dem Lager Kriegsgefangene. Die Sitten blieben rau. So erinnert sich Lackinger noch an einen jungen Behinderten, den ein russischer Offizier an der Traisen erschoss: „Nach ihm wurde lange gefahndet, ehe seine Leiche am ‚Goas-steig’ gefunden wurde.“ Später zogen arme St.

Pöltner, die sich weder Haus noch Wohnung leisten konnten, ein. In dieser Zeit kam auch die Bezeichnung „Korea“ auf. Kontakt mit den Baracken-Bewohnern hätte man in der Austraße kaum gehabt, betont Lackinger. Eine Ausnahme sei eine Arbeitskollegin seiner Schwester bei der Glanzstoff gewesen, die in den Baracken wohnte und hin und wieder zu Besuch kam.

Erst gegen Ende der 1950er-Jahre wurde der Stacheldrahtzaun abgebaut. Da war Lackinger schon auf dem Sprung ins Ausland. 1957 verließ er wie viele Facharbeiter die Voith und ging als Horizontalbohrer nach Düsseldorf. Von dort führte ihn, seine damalige Frau und die beiden Kinder der Weg 1964 nach Wollongong. Zweimal kam Lackinger seither in seine Heimatstadt zurück – 1975 und 2006.