St. Pölten

Erstellt am 13. März 2018, 05:30

von Daniel Lohninger

Umsturz binnen Stunden: Der Tag, an dem Hitler kam. Am Mittwoch vor 80 Jahren bejubelten die St. Pöltner den „Führer“ – noch vor dem Auftritt auf dem Heldenplatz.

Einen Tag vor seinem Auftritt auf dem Heldenplatz bejubelten die Massen Adolf Hitler im damaligen Hotel Pittner.  |  NOEN, Stadtarchiv St. Pölten

Eiernockerl mit grünem Salat. Ob dem Vegetarier Adolf Hitler seine Leibspeise auch im damaligen Hotel Pittner an der Ecke Klostergasse/Kremser Gasse kredenzt wurde, ist nicht belegt – wohl aber die jubelnden Menschenmassen, die zwei Tage nach dem „Anschluss“ seinen Auftritt in St. Pölten begleiteten. Am Mittwoch jährt sich das Ereignis zum achtzigsten Mal.

Theresia Wildburger erlebte als Neunjährige den Hitler-Besuch im Nachbarhaus mit.  |  NOEN, Steiner

Die damals neunjährige Theresia Kleiner (heute Wildburger) erlebte den Tag im Nachbarhaus, in dem ihre Familie ein Geschäft betrieb. Gesehen hat sie „den Führer“ nicht. Denn statt Euphorie herrschte Angst im Haus Kleiner. „Meine Eltern haben die Fenster zugemacht, die Vorhänge vorgezogen. Wir haben uns vor dem, was kommt, gefürchtet“, berichtet Wildburger. Nur Stunden später klopften SA-Männer an der Wohnungstür – auf der Suche nach ihrem Vater Josef, der Gewerbebund-Obmann im Ständestaat gewesen war.

„Er hat das erwartet und war deshalb mit meinen beiden Brüdern untergetaucht“, erinnert sich Wildburger. Tage später kehrte die Drei zurück. Im April wurde ihr Bruder Josef aus politischen Gründen eingesperrt – und blieb bis August inhaftiert. Der Vater wurde zwar mehrfach vor die Gauleitung vorgeladen, eingesperrt aber nie.

„Erschütternd ist, wie schnell sich die Gesellschaft um 180 Grad drehen kann.“ Thomas Pulle, Leiter des St. Pöltner Stadtmuseums

Mit dem „Anschluss“ änderte sich selbst für ein Kind, wie Wildburger es damals war, schlagartig viel. Die Lehrerinnen in der Volksschule des Instituts der Englischen Fräulein wurden ausgetauscht, die katholischen Schwestern durften nicht mehr unterrichten. Statt Religionsunterricht in der Klasse gab es Glaubensstunden im Dom. Einmal im Monat wurde Wildburger vom Direktor vorgeladen, um zu berichten, was dort passiert. Der spätere Kardinal Franz König kam als damals junger Domkurator bald in Konflikt mit den Machthabern, weil die von ihm gegründete Jugendgruppe viel Zulauf erlebte.

Die St. Pöltner Zeitung bejubelte Hitlers Auftritt in der Stadt. Zwei Tage zuvor war der Chefredakteur abgesetzt worden, Ludwig Aufreither wurde als Hauptschriftleiter eingesetzt. SA-Männer hatten zuvor das damalige Pressvereinsgebäude in der Linzer Straße gestürmt.  |  NOEN

Schon in den ersten Tagen nach dem „Anschluss“ wurden St. Pöltner deportiert. So wie Frau Morgenstern, eine von 400 Juden in der Stadt. „Sie hatte ein Zeitschriften-Abo. Als sie ihre Zeitschrift in unserem Geschäft nicht abholte, schickte mich mein Vater zu ihrer Wohnung in die Kremser Gasse“, erinnert sich Wildburger. Dort angekommen, stand Wildburger vor einer offenen Wohnungstür – „und drin herrschte ein Tohuwabohu“. Von Morgenstern war keine Spur. Sie sei „verschwunden“, erzählten die Erwachsenen der Neunjährigen.

In der Stadt änderten sich binnen Stunden die Machtverhältnisse völlig

Noch am 11. März rüstete sich das Bundesheer dafür, den Einmarsch der deutschen Truppen abzuwehren. Nur einen Tag später wurden die Wehrmacht-Panzer von Tausenden bejubelt. Der vormals illegale Nazi Franz Hörhann wurde zum Bürgermeister, sein christlich-sozialer Vorgänger Heinrich Raab landete im Gefängnis. Der Gemeinderat wurde ausgetauscht, die Magistratsmitarbeiter auf Hitler vereidigt, der Rathausplatz zum Adolf-Hitler-Platz.

Thomas Lösch dokumentierte die Propaganda der Tage nach dem „Anschluss“.  |  NOEN, privat

„Erschütternd ist, wie schnell sich die Gesellschaft um 180 Grad drehen kann“, erklärt Stadtmuseumsleiter Thomas Pulle. Er sichtete im Stadtarchiv mit Historiker Thomas Lösch die unzähligen Drucksorten, die rund um den Hitler-Besuch die St. Pöltner Haushalte fluteten. Handzettel, Flyer, Hakenkreuz-Armbinden aus Pappe, Postwurf-Sendungen und Plakate trommelten die Propaganda.

„Die Fülle an Material zeigt, dass viele St. Pöltner lange vor dem sogenannten Anschluss die Machtübernahme vorbereitet haben“, weiß Lösch. Ein paar illegale Nazis hätten Propaganda in diesem Ausmaß nicht auf die Beine stellen können, der Umbruch sei wohl bereits vor Schuschniggs Kapitulation von vielen St. Pöltnern mitgetragen worden. Das weiß auch Wildburger: „Die Leute haben damals sehr wohl gewusst, was auf sie zukommt. Nach dem Krieg haben sich die meisten aber daran nicht mehr erinnern wollen oder können.“