Verwaiste Eltern: Wenn ein Kind zum Stern wird. St. Pölten: Eine betroffene Mutter gab Ausschlag für gemeinsame Betreuung der Ruhestelle der Stadt für Sternenkinder.

Von Nadja Straubinger. Erstellt am 11. Juni 2021 (03:05)
Barbara König (links), selbst Mutter eines Sternenkindes, rüttelte mit ihrem Posting in den sozialen Medien auf. So fand sie mit Trauerbegleiterin Elke Kohl, Gerti Ziselsberger (rechts) von der Kompetenzstelle Trauer der Caritas und dem Leiter der städtischen Friedhöfe Andreas Wittmann zusammen, die bei der Gestaltung der Ruhestätte mithelfen wollen.
Straubinger, Straubinger

Die Freude ist groß, wenn ein zweites Stricherl auf dem Schwangerschaftstest erscheint. Dass diese Freude auch nach den „kritischen“ 15 Wochen noch ein jähes Ende haben kann, ist vielen nicht bewusst. Zu groß ist das Tabu, über den Tod von Kindern zu sprechen. Dabei gehören auch diese Sternenkinder zur Familie.

Sternenkind-Fotografin Klaudia Ratzinger schafft bleibende Erinnerungen für Eltern.
Klaudia Ratzinger, Klaudia Ratzinger

Zwischen 2018 und 2020 wurden am Universitätsklinikum St. Pölten zwischen sechs und 14 Spätaborte (von der 13. bis 24. Schwangerschaftswoche) und vier bis sechs Totgeburten jährlich versorgt. Die medizinischen Ursachen dafür sind vielschichtig, in vielen Fällen unbekannt und oft schicksalhaft. Die betroffenen Frauen werden interdisziplinär durch Hebammen, Kinderärzte, Psychologen der Kinderabteilung und betreuende Geburtshelfer während des stationären Aufenthaltes betreut. Im Trauerprozess kann es auch helfen, Fotos von seinem Sternenkind zu haben.

„Auf Wunsch der Eltern können eine Fotografie und ein Fußabdruck angefertigt und der Kontakt zu unterstützenden Organisationen hergestellt werden“, heißt es aus dem Universitätsklinikum.

„Oft bekommt man Gegenwind, es ist noch immer ein Tabuthema.“ Klaudia Ratzinger, Fotografin

Seit acht Jahren gibt es die Stiftung „Dein Sternenkind“. Fotografen sind darin vernetzt und kommen, wenn es darum geht, das erste und letzte Foto eines geliebten Menschen zu schießen. Seit 2018 ist auch die St. Pöltner Fotografin Klaudia Ratzinger dabei. „Ein befreundetes Paar hat vor vielen Jahren ihr Kind gleich nach der Geburt verloren. Das hat uns sehr betroffen gemacht“, so Ratzinger.

Als sie von der Organisation erfuhr, meldete sie sich freiwillig und ist nun eine von rund 650 Sternenkind-Fotografen in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Fotografiert wird ab der 15. Schwangerschaftswoche. Bis zu fünf Einsätze hatte sie bisher pro Jahr: „Wir fangen Emotionen ein und schaffen mit Detailfotos vom Kind bleibende Erinnerungen.“

„Ich habe jedes Mal Herzklopfen, denn es ist dann nicht nur Liebe, sondern auch ganz viel Trauer im Raum“

In der Trauerarbeit können diese Bilder wertvolle Dienste leisten und trotzdem: „Oft bekommt man Gegenwind, es ist noch immer ein Tabuthema.“ Dabei gehe es nicht um Profit, denn es handelt sich um ein Ehrenamt, sondern rein darum, den Eltern, die in diesem Moment in einer Ausnahmesituation sind, eine Erinnerung zu schaffen. Und das ist auch für die Fotografin nicht immer einfach.

„Ich habe jedes Mal Herzklopfen, denn es ist dann nicht nur Liebe, sondern auch ganz viel Trauer im Raum“, berichtet Ratzinger. Sobald sie aber die Kamera hochnimmt, schalte sie in den professionellen Modus um.

Gemeinsam für Ruhestätte sorgen

Stille Geburten mit einem Gewicht über 500 Gramm müssen am Standesamt gemeldet und beigesetzt werden, unter 500 Gramm ist dies freiwillig, entweder in einem Familiengrab oder in einem Sammelgrab, möglich.

Am St. Pöltner Friedhof gibt es eine Ruhestätte für Sternenkinder. Dort fanden bisher 180 Bestattungen statt, was etwa zehn pro Jahr entspricht. Auch das Sternenkind von Barbara König ist dort begraben, aber: „Am dritten Jahrestag war ich am Friedhof und der Stein meines Sohnes war weg.“ Der Enttäuschung und dem Frust über den Zustand des Grabes machte sie in den sozialen Medien Luft. „Die Resonanz auf mein Posting war überwältigend. Es kamen so viele Hilfsangebote“, freut sich Barbara König über das Ergebnis. Denn so entstand auch der Kontakt mit Kinder-Trauerbegleiterin Elke Kohl und Gerti Ziselsberger von der Kompetenzstelle Trauer der Caritas.

Sie wollen sich künftig bei der Betreuung der Ruhestätte für Sternenkinder einbringen. Unterstützt werden sie dabei vom Leiter der städtischen Friedhöfe Andreas Wittmann, der auch sofort die Reinigung des Grabdeckels veranlasste. Das erste Treffen fand bereits statt und es wurden schon Pläne geschmiedet. So konnte die Gärtnerei Bonigl gewonnen werden, welche nun dreimal im Jahr die Schale neu bepflanzt.

„Die Schwierigkeit dabei ist, nichts zu tun, was die Eltern kränkt“, sagt die Leiterin der Caritas-Kompetenzstelle Trauer Gerti Ziselsberger. Eine mögliche Idee sei es, ganz alte Stücke in einer Schatztruhe aufzubewahren. Auch für die Gestaltung gibt es schon einige Vorstellungen. Es soll jedenfalls ein Ort der Ruhe und Erinnerung mit einer Sitzgelegenheit sein.

„Die Schwierigkeit dabei ist, nichts zu tun, was die Eltern kränkt“

„Auch wenn das Kind nicht bestattet wurde, soll man hier einen Ort zum Trauern finden“, betont Ziselsberger, dass alle Betroffenen dazu eingeladen sind, dort Kraft zu schöpfen. Einen Workshop zum Bemalen von Brettern zur Auskleidung der Nische, „vielleicht sogar mit Geschwisterkindern“, kann sich Kinder-Trauerbegleiterin Elke Kohl vorstellen.