Unangenehmes in St. Pölten erforschen

Erstellt am 25. Jänner 2023 | 04:38
Lesezeit: 3 Min
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Bei der Auftaktveranstaltung informierten Niklas Perzi, Christoph Lind, Thomas Pulle, Thomas Lösch (hinten von links) und INJOEST-Leiterin Martha Keil (Mitte) über die Projekte zur Erforschung des Nationalsozialismus und der Lager im Raum St. Pölten.
Foto: Schrefl
Forschungsprojekte beschäftigen sich mit dem Nationalsozialismus in St. Pölten.

Mit den Worten „Es gibt angenehmere Themen, die wir Ihnen vorstellen können – aber wohl kaum wichtigere“ eröffnete der Leiter des Stadtmuseums Thomas Pulle die Auftaktveranstaltung für zwei Projekte, die sich mit der Erforschung des Nationalsozialismus in St. Pölten befassen.

Christoph Lind vom Institut für jüdische Geschichte Österreichs (INJOEST) präsentierte einige Erkenntnisse zu dem Forschungs- und Citizen-Science-Projekt „NS-,Volksgemeinschaft‘ und Lager im Zentralraum Niederösterreich“. Über 50 Lager im Raum St. Pölten konnte er bereits identifizieren. Nicht nur in Massen-Lagern wurde Zwangsarbeit eingesetzt, auch in der Landwirtschaft, in Fleischereien, Molkereien, Bäckereien und für andere Dienstleistungen. So mussten zum Beispiel bei der Glanzstoff, im Hotel Pittner und sogar im Krankenhaus jüdische Zwangsarbeiter arbeiten. Auf den heutigen WWE-Gründen waren die Glanzstoff-Zwangsarbeiter untergebracht. Wie Lind anmerkt, decken sich die Pläne für das Wohnbauprojekt fast exakt mit den Fundamenten der ehemaligen Behausungen der Zwangsarbeiter.

Parallel zu dem Projekt erforscht Janina Böck-Koroschitz Hachschara-Lager in Österreich. Über diese Lager, in denen sich jüdische Menschen auf das Auswandern nach Israel vorbereitet haben, ist bisher nur wenig bekannt.

Für diese beiden Citizen-Science-Projekte werden Zeitzeugen gesucht. Das INJOEST veranstaltet gemeinsame Workshops zur Diskussion.

Erlebnisse von Zeitzeugen gefragt

Ebenfalls nach Zeitzeugen sucht Niklas Perzi vom Institut für Geschichte des ländlichen Raums. Er und sein Team forschen für das Projekt „St. Pölten im Nationalsozialismus“. Dabei gehe es nicht ausschließlich darum, bereits Dokumentiertes weiterhin zu erforschen, sondern vor allem darum, wie Zeitzeugen die Vorkommnisse erlebt haben. Aber auch deren Nachkommen und geschichtlich interessierte Personen sind zu den Erzählcafés eingeladen.

„Die Geschichtsschreibung hat sich bisher nur wenig mit den Erzählungen von Zeitzeugen beschäftigt, sondern eher mit den Aufzeichnungen der Behörden“, sagt Perzi. Dies soll sich im Rahmen der Projekte ändern. Wie Thomas Lösch vom Stadtmuseum betont, waren auch die städtischen Behörden St. Pöltens an den Verbrechen der NS-Zeit beteiligt.

Die Erkenntnisse des Forschungsprojekts „St. Pölten im Nationalsozialismus“ werden als Ausstellung im Rahmen der Tangente 2024 im Stadtmuseum präsentiert. Zeitgleich mit der Eröffnung wird ein Buch zu dem Thema veröffentlicht.

Infos zum Projekt „NS-,Volksgemeinschaft‘ und Lager im Zentralraum NÖ“ sowie die Termine für die Workshops gibt es auf www.ns-lager-niederösterreich.at/aktuelles.