Von unter dem Asphalt

Erstellt am 20. Juni 2011 | 00:00
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Foto: NOEN
ARCHÄOLOGIE / Fundgegenstände der Ausgrabungen am Domplatz werden bis November im Stadtmuseum ausgestellt.

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Bürgermeister Matthias Stadler, Stadtmuseumsleiter Thomas Pulle und Stadtarchäologe Ronald Risy bei der Tonfigur aus der Klosterlatrine am Domplatz. KERN
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VON MARIO KERN

ST. PÖLTEN / Normalerweise tragen historische und archäologische Ausstellungen im Stadtmuseum andere, konventionellere Namen: Unter dem Titel „Da steh i drauf“ finden sich derzeit Funde aus den Ausgrabungen des Vorjahres am Domplatz. Der ungewöhnliche Name der Werkschau soll darauf hinweisen, dass seit dem Spätmittelalter bis 2010 unzählige St. Pöltner Füße auf dem Platz und damit auf Töpfen, Vasen, Statuen und Gebeinen standen. In mühevoller Filigranarbeit bemühten sich archäologische Vereine, Studenten und Volontäre unter der Leitung von Stadtarchäologe Ronald Risy um jedes kleinste Stück.

Unter den ausgestellten Funden sind zahlreiche Gebeine aus dem platzumspannenden, oft bis nur wenige Dezimeter bis Zentimeter an die Asphaltschicht reichenden Stadtfriedhof (aus dem 11. Jahrhundert) sowie Münzen und andere Gegenstände aus der Römerzeit. „Hier hat man 508 Bestattungen auf 90 Quadratmetern gefunden.“ Spektakulär war aber der Fund von Teilen der mittelalterlichen Klosteranlage. Hier wurde eine Latrine entdeckt, in der gut erhaltene Töpfe, Fischgärten, Kerne und mehr gefunden wurden. Der zentrale Fund ist aber die weibliche Tonfigur, an einen mittelalterlichen Kerzenhalter gemahnend, um dessen fratzenhafte Züge die wildesten Spekulationen kursieren.

„Damit gelingt uns eine Zeitreise in die Römerzeit und wieder zurück“, freut sich Stadtmuseumsleiter Thomas Pulle. „Das Material, das hier gefunden wurde, gibt es in dieser Form nirgendwo anders.“ Als „Fenster in die Geschichte“ wird die Vielfalt gehandelt, die über das Leben, die Ernährung und die Gepflogenheiten im Spätmittelalter detailreiche Aufschluss bieten. An der Aufbereitung dieser „Zeitzeugen“ hat das Museumsteam bis zur letzten Minute ohne Unterlass gearbeitet.