111 Jahre prägte Leiner den Rathausplatz in St. Pölten. Häuser am Rathausplatz haben eine wechselhafte Geschichte. Vor dem nächsten Kapitel blickt die NÖN zurück.

Von Lukas Kalteis. Erstellt am 13. Mai 2021 (03:27)
Die Anfänge der Firma Leiner auf dem St. Pöltner Rathausplatz: Rudolf sen. und Therese Leiner übernahmen das Bettwarengeschäft im heute unter Denkmal stehenden Leiner-Stammhaus.
kika/Leiner

Die Türen sind zu am Rathausplatz. Nach 111 Jahren gibt es vorerst keine Matratzen, Möbel und Geschirr mehr, wo damals die Erfolgsgeschichte von Leiner ihren Anfang nahm. Mit dem Umbau rund ums Stammhaus entsteht Neues an historischer Stelle, auch wieder mit einem Leiner.

„Der Grundstein für die Erfolgsgeschichte wurde im Jahre 1910 gelegt. Damals übernahm Rudolf Leiner sen. das seit 1808 bestehende Bettwarengeschäft der Firma Irlweck und mit dem Gebäude am Rathausplatz Nummer 7 auch die bekannten Gänse als Markenzeichen“, erzählt der 76-jährige Betriebsrat Karl Vogl, der seit 51 Jahren die Entwicklung des Unternehmens mitgestaltet und noch lange nicht an die Pension denkt.

Das Geschäft lief von Anfang an gut am Rathausplatz. In den folgenden Jahren bauten Rudolf und Therese Leiner das Unternehmen stetig aus und erweiterten das Geschäft um das Nachbarhaus. 1913 erschien der erste Möbel-Katalog mit gezeichneten Darstellungen des Sortiments, das damals hauptsächlich Polster, Decken, Matratzen und Eisenmöbel umfasste.

Neuaufbau nach dem Weltkrieg

Mit dem Zweiten Weltkrieg zogen auch über den Dächern am Rathausplatz tiefschwarze Wolken auf. Die Wirtschaft brach ein, Sohn Rudolf jun., der das Geschäft übernahm, wurde als Panzergrenadier an die Front beordert und Firmengründer Rudolf sen. starb überraschend im Alter von 59 Jahren. Rudolf rettete nur ein Bruch des Schlüsselbeins vor dem Einsatz in Stalingrad. Einziger Lichtblick dieser Zeit war die Hochzeit des jungen Rudolfs mit seiner Jugendliebe Friederike, die er noch aus der Schulzeit kannte.

Nach einem Jahr Kriegsgefangenschaft versuchte das Paar, das teilweise zerstörte Stammhaus und das geplünderte Unternehmen wieder aufzubauen und die leeren Regale trotz Warenmangels zu füllen. In dieser Zeit bezog die Firma Federn aus der Umgebung und sogar Seegras aus dem Dunkelsteinerwald wurde als Füllstoff für Matratzen und Bettzeug verwendet. Den langsamen wirtschaftlichen Aufschwung unter russischer Besatzung nutzte Rudolf, um mit dem Ankauf von zwei Nebengebäuden die Verkaufsfläche erneut zu vergrößern.

Expansion und Wirtschaftswunder

„Ab den 1960er-Jahren brummte die Wirtschaft und Rudolf Leiner erwies sich als gewiefter Geschäftsmann mit Weitblick, was die Expansionen nach Wiener Neustadt, Bruck an der Mur und Wien verdeutlichen“, erinnert sich Karl Vogl an seinen früheren Chef, der 2008 verstorben ist und an den heute der Rudolf-Leiner-Platz erinnert. „Rudolf Leiner hatte eine besondere Persönlichkeit, die ich bis heute bewundere. Er musste nicht autoritär sein, weil er eine Autorität war und ihn alle sehr schätzten.“

1967 heiratete Tochter Friederike jun. den Wirtschaftsstudenten Herbert Koch, der bald mit „ich kann’s auch“, kurz IKA, einen ersten Möbel-Diskonter eröffnete. Wegen der Verwechslungsgefahr mit IKEA wurde daraus KIKA. In den nächsten Jahren expandierte das Unternehmen weiter und auch der Stammsitz am Rathausplatz ging mit der Zeit. Prägendes Erlebnis war der Großbrand am 6. Dezember 1989. Das Feuer auf dem Dach am Nikolotag forderte ein Todesopfer und ist noch vielen lebhaft in Erinnerung. Nach einem Intermezzo bei der Steinhoff-Gruppe wird nun die Signa-Gruppe von René Benko Leiner ein neues Gesicht geben.