20 Jahre nach der Explosion im Conrad-Lester-Hof. Am 2. Dezember 1999 starben zehn Menschen. Im Gespräch mit der NÖN erinnern sich Beteiligte an die dunklen Stunden.

Von Inge Moser und Thomas Werth. Erstellt am 26. November 2019 (04:07)
Schwere Geräte von Bundesheer und Feuerwehr mussten aus St. Pölten und Krems angeschafft werden.
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Zum 20. Mal jährt sich am 2. Dezember das schlimmste Unglück in der Geschichte der Stadt. Eine verheerende Gasexplosion im Conrad-Lester-Hof 4 kostete zehn Menschen das Leben. „Die Eindrücke vor Ort waren schrecklich, ich kannte die Betroffenen persönlich“, erinnert sich der damalige Bürgermeister Walter Daxböck.

„Die Eindrücke waren schrecklich“, erinnert sich der damalige Bürgermeister Walter Daxböck.
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Auslöser des Unglücks war eine angebohrte Gasleitung . Zwar wurde das Gebäude zunächst evakuiert, die Leitung abgedichtet und Messungen durchgeführt, insgesamt sollen aber über 1.000 Kubikmeter Gas ausgetreten sein. Die Bewohner durften zurück ins Haus, ein Funken entzündete das hochexplosive Gas-Luft-Gemisch. Gegen 18.50 Uhr erfolgte die gewaltige Detonation, die das dreistöckige Gebäude einstürzen ließ und einen acht Meter hohen und 40 Meter langen Schuttberg erzeugte.

Über 1.000 Helfer suchten unter den Trümmern des eingestürzten Wohnhauses nach Verschütteten. Neun Personen konnten nur tot geborgen werden, eine Pensionistin verstarb im Spital.
Moser, Archiv

15 Personen waren zum Zeitpunkt der Explosion im Haus. Vier konnten sich selbst befreien. Zwei Personen, darunter ein 15-jähriges Mädchen, konnten aus den Trümmern gerettet werden. Besonders emotional in Erinnerung blieb den Einsatzkräften der Kampf um das Leben einer 79-Jährigen. Noch vor Ort mussten ihr beide Beine amputiert werden. „Ich hielt bei dieser Not-OP die Lampe – ein schreckliches Erlebnis“, schildert Hannes Scheer vom Samariterbund, der an diesem Tag Bereitschaftsdienst hatte.

Rund vier Wochen nach dem Unglück verstarb die Frau im Spital. Die restlichen Personen konnten nur tot geborgen werden, eine Frau wurde von Trümmern erschlagen. An die Opfer erinnert eine Gedenktafel auf einem Mahnmal vor dem wieder errichteten Hof 4.

Das Mahnmal erinnert vor dem Conrad-Lester-Hof an die zehn Opfer der Gasexplosion.
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Im Einsatz waren 630 Feuerwehrmänner, 180 Helfer von Rotem Kreuz und ASBÖ, 144 Bundesheer-Angehörige, 160 Gendarmen und zwei Rettungshundestaffeln. „Das war ein heftiger Tag“, denkt Landesfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner, der damals als Zugskommandant der unterstützenden Einsatzleitung angehörte, an den 2. Dezember 1999 zurück. „Wir waren 24 Stunden lang unter schwierigsten Bedingungen im Einsatz.“

Äußerst schwierige Aufgaben hatten auch Stadtpfarrer Alberich Enöckl und der damalige Vizebürgermeister Otto Kernstock inne: Sie überbrachten die traurigen Todesnachrichten an Familienmitglieder, die sich wie viele Hausbewohner und Einsatzkräfte in der Sporthalle versammelt hatten. „Da fielen mir manche Menschen weinend um den Hals. Ich tröstete, so gut ich konnte. Die Situation war furchtbar“, erzählt Kernstock. Auch Alberich Enöckl ist 20 Jahre danach noch geschockt von den Ereignissen. Besonders im Gedächtnis blieb ihm das Schicksal einer jungen Frau: „Sie wollte zum nahegelegenen Zahnarzt gehen und wurde von den herabstürzenden Trümmern erschlagen.“

Beinahe unverletzt konnte ein 15-jähriges Mädchen aus den Trümmern gerettet werden. Die NÖN berichtete über dieses Erfolgserlebnis.
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Wenn über etwas Positives von dieser Zeit berichtet werden kann, dann ist es die Welle der Hilfsbereitschaft, die auf diese Tragödie folgte. Psychotherapeuten und Psychologen rund um den Arzt Franz Holzhauser kümmerten sich beispielsweise sofort um ein Kriseninterventionsteam und gründeten für eine Nachbetreuung die Krisenintervention Wilhelmsburg. Bürgermeister aus Nachbargemeinden und Genossenschaften organisierten Wohnungen.

Rund 15 Monate nach der Explosion wurde der Conrad-Lester-Hof 4 mit 20 Wohnungen neu errichtet.
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Dringend benötigte Lebensmittel trafen in kürzester Zeit von Spendern aus Wilhelmsburg und Umgebung ein. Auch Brauereien und Bäcker aus der Region halfen aus, um die Leute in der Sporthalle zu versorgen. Der ASBÖ spendete Lebensmittel, die für den eigenen Weihnachtsmarkt am darauffolgenden Wochenende gedacht waren. „Wirte und Spender arbeiteten bis zu 20 Stunden durch, kochten und verteilten Essen. Dadurch entstand eine starke Verbindung zwischen den Gastronomen“, betont die damalige Wirtin Ingrid Reinberger.