Erstellt am 11. August 2018, 05:10

von Martin Gruber-Dorninger

Schlechter Zustand: Schlamm und Sand setzen Donau zu. Geschiebe sammelt sich aufgrund der Stauung an und führt zu großen ökologischen Problemen im Fluss.

Bernhard Seidel ist absoluter Experte in der Ökologie.  |  NÖN-Archiv

1993 bekam der Ökologe Bernhard Seidel einen Umweltpreis des Landes Niederösterreich für Kunst und Kommunikation verliehen. Mit verschiedenen Kunstformaten hat er damals schon auf Problematiken aufmerksam gemacht. Darunter auch der ökologische Zustand der Donau. 25 Jahre später hat er nicht aufgehört sich diesem komplexen Thema zu widmen. Doch der Donau ist wohl nicht mehr zu helfen.

„In den 90ern habe ich noch Alarm geschlagen, dass die Donau ökologisch am Abgrund steht. Das ist aber schon längst vorbei“, ist Bernhard Seidel, Wissenschafter an der Uni Wien und der Stechmückenexperte Österreichs schlechthin, verzweifelt. Das Problem sei, seiner Meinung nach, so vielschichtig, dass es gar schwerfällt, den Anfang dabei zu suchen.

Er versucht es trotzdem: „Ist Ihnen schon aufgefallen, dass vor ein paar Jahren bei der Donaubühne in Tulln, zwischen Uferbereich und Bühne steil abfallendes Blockwerk lag? Nur wenige Jahre später kann man dort auf Schlamm und Sand zur Bühne hinwaten“, beginnt er mit der Erklärung. Der Grund dafür sei die riesige Menge an Sand und Schlamm, die sich in den einzelnen Abschnitten der Donau ansammelt. Durch die Regulierung und die Stauung könne dieses Sediment nicht mehr abfließen. Bei großen Hochwässern, wie das 2013 zuletzt der Fall war, kommt dieser Schlamm auch ins Landesinnere und bildet dort Auflandungen, die die Rückhalteräume reduzieren. Der Schlamm sei auch noch dazu kontaminiert, darin medizinisch, radioaktive und biologisch wirksame Stoffe, wie Antibiotika und vieles mehr.

„Sand und Schlamm werden immer mehr und schon bald könnte das Donautal daran ersticken.“ Bernhard Seidel, Ökologe

Der Sand führe auch dazu, dass es deutlich weniger Insekten gebe. Die Larven von Zuckmücken, Eintagsfliegen, Köcherfliegen oder Steinfliegen leben im Wasser. Durch den Wellenschlag, den Dutzende von Schiffen täglich auf der Donau verursachen, würde der feine Sand im Sediment stets aufgewirbelt. „Das ist wie Feinstaub im Wasser. Es reichen fünf Schiffe und der Wellenschlag und der Sog bewirken Aufwirbelungen, die ganze Populationen mit Feinsand bedecken. Und die Insekten und übrigens auch Jungfische schaffen das nicht, die sterben alle ab“, erklärt Seidel. Es überleben nur noch sandgrabende und sandlaufende Arten, die meist zuwandern. „So richtige Mückenschwärme gehören bereits der Vergangenheit an“, so Seidel. Das habe natürlich auch einen Einfluss auf Fische und Vögel, denen so das Futter ausgeht.

Durch die breit angelegte Stauung funktioniert also der Abtransport von Schlamm und Sand nicht mehr. „Es wird immer mehr und es steht uns schon bis zum Hals. Bald könnte das Donautal an diesem Schlamm ersticken“, malt Seidel ein dunkles Szenario.

Der Bereich zwischen Ufer und Donaubühne ist in der Zwischenzeit mit Sand und Schlamm aufgefüllt. Ein eindeutiges Indiz für die Verschlammung der Donau.  |  shutterstock.com/lbrix

Die Donau sei eigentlich auf Höhe Tullns ein Gebirgsfluss. Darin sollten sich strömungsliebende Fische, wie beispielsweise Forellen, tummeln. Stattdessen trifft der Donaufischer immer öfter Karpfen, Barben und die Zahnmaul-Grundel an. „

Das sind Arten, die keine Strömung brauchen, die leben gerne im Schlamm, dort wo es stinkt. Kommen einmal standorttypische Arten ins Fangnetz, dann liegt das meist daran, dass besetzt wurde“, sagt Seidel. Seiner Meinung nach würden deshalb auch die vielen Fischaufstiegshilfen nichts bringen. „Die Fische nehmen wahr, dass es im oberen Bereich nicht unbedingt besser ist und bleiben deshalb lieber unten, wo es noch fließt“, so Seidel.

Eines der Werke von Bernhard Seidel. Darauf sind Donau und Sand eindeutig erkennbar.  |  privat

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Donau zu wenig Strömung aufweist, seien auch Massenvorkommen der Wasserpflanze Tausendblatt, die eigentlich nur in stehenden Gewässern vorkommt. „Im Flussboden sind außerdem so viele Nährstoffe gespeichert, dass die Pflanze dort und da in Massen auftreten kann. Die auch als Aquarienfutter bekannten Schlammröhrenwürmer tummeln sich dort ebenso und sind Anzeiger der schlechtesten Gewässerqualität“, erklärt Seidel.

Die Hoffnung hat Seidel dennoch noch nicht ganz aufgegeben. „Es wird teilweise sehr viel Geld in die Hand genommen, um Rückzugsräume zu bilden. Besser wäre es jedoch gleich in komplette Rückbauten zu investieren, und da solle man ganz oben an der Donau beginnen und sich nach unten arbeiten bis Greifenstein oder Freudenau“, erklärt Seidel, der diese Entwicklung an der Donau nicht der Klimaerwärmung anlasten will. „Die fehlenden Insekten, die ausgestorbene Wasserfauna und das kaputte Ökoton (struktur- und artenreicher Uferübergang vom Wasser auf Land; Anmerkung der Redaktion) sind verschwunden und das sind Anzeiger für uns, was angestellt wurde, doziert Seidel.

Um ein breiteres Publikum für die Problematik der Umwelt zu gewinnen, haben sich diverse Themen auch in seinen künstlerischen Werken niedergeschlagen. Beim Titelbild der Ausstellung „Zwei Leben - Fine.Sand Art“, sind beispielsweise zwei tote Amphibien zu sehen, die eingesandet wurden.