Weibliches Engagement: Frauenpolitik wird 100 Jahre. Aus Anlass des Jubiläums „100 Jahre Frauenwahlrecht“ hat die NÖN drei Protagonistinnen befragt.

Von Doris Firmkranz. Erstellt am 07. November 2018 (04:19)
NOEN, Peischl
Ulrike Fischer (Grüne) will die Welt im Kleinen verbessern.

Man nannte sie respektlos „Emanzen“, „Suffragetten“, „Blaustrümpfe“ und „Flintenweiber“ – jene Frauenrechtlerinnen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts für mehr Rechte für Frauen eingesetzt haben. Doch der Kampf war wichtig, wobei Themen wie Erwerbstätigkeit oder die Reform des patriarchalen Ehe- und Scheidungsrecht im Vordergrund standen. Die Errungenschaft des Frauenwahlrechtes vor nunmehr 100 Jahren war trotz allem ein Meilenstein auf dem Wege der Emanzipation und von enormer Bedeutung sowohl für die Frauen, als auch für die Demokratie.

SPÖ
Doris Hahn, vertritt den Bezirk im Bundesrat.

„Frauen müssen wesentlich mehr leisten als Männer um in der Politik wahrgenommen zu werden. Zudem haben sie es schwerer, in führende Stellungen zu gelangen.“ Diesen Eindruck hinterlassen jahrzehntelange Erfahrungen, die Helga Zaussinger gemacht hat.

Die ehemalige Tullner dritte Vizebürgermeisterin (auf das „dritte“ legt sie großen Wert, damals gab es noch drei Stellvertreter des Bürgermeisters, und man will ja schließlich niemanden vor den Kopf stoßen) war vor ihrer Amtsübernahme im Jahre 2002 Gemeinde- und danach ÖVP Stadträtin für Wohnbau und Soziales. In Anerkennung ihres politischen Wirkens sowie des sozialen Engagements in zahlreichen Vereinen und der langjährigen Leitung des Tullner Hilfswerks erhielt sie 2012 den Goldenen Ehrenring der Stadtgemeinde.

„Küche und Politik sind sehr wohl vereinbar!“

Doch Ehrungen können nicht darüber hinweg trösten, dass es offenbar noch nicht in (männliche) Köpfe gedrungen ist, dass auch Frauen Politik machen können. Helga Zaussinger weiß ein Lied davon zu singen. Während ihrer politisch aktiven Zeit sprach sie einmal ein Kollege darauf an, ob es für sie nicht besser wäre, daheim zu kochen anstatt sich politisch zu betätigen, worauf sie schlagfertig antwortete: „Wer sagt denn, dass ich nicht trotzdem koche!“

NÖN
Helga Zaussinger, Ex-Vizebürgermeisterin von Tulln.

Helga Zaussinger hat sich vor einigen Jahren komplett aus der Politik zurückgezogen. Eine, die gerade geflissentlich an ihrer politischen Laufbahn arbeitet, ist SPÖ-Politikerin Doris Hahn. Die 38-jährige Pädagogin sammelte ab 2006 erste politische Erfahrungen im Gemeinderat ihrer Heimatgemeinde Königstetten. Dem Gremium gehört sie bis heute an. Von 2015 bis zum heurigen Frühjahr war Hahn als Abgeordnete zum NÖ Landtag aktiv, ehe sie im März 2018 mit der Angelobung als Bundesrätin einen weiteren Schritt in ihrer politischen Karriere setzte.

Dass die Bühne der Politik nach wie vor von Männern dominiert wird, begründet Hahn: „Frauen werden leicht überhört, weil sie nicht laut genug sind und ihre Ellbogen nicht so oft wie das sogenannte stärkere Geschlecht einsetzen.“ Dazu käme die Mehrfachbelastung durch Familie und Beruf.

Um etwas zu verändern, müsse man es zum Thema machen, etwa das Problem der unterschiedlichen Entlohnung von Männern und Frauen.

Frauen müssen viele Funktionen übernehmen

„Frauen funktionieren dort, wo Bedarf ist“, bringt es Ulli Fischer auf den Punkt. Die Mittvierzigerin aus St. Andrä-Wördern ist Vizebürgermeisterin und seit 20 Jahren für die Grünen aktiv.

Fischer: „Pflege ist immer noch weiblich. Ist ein Familienangehöriger krank oder pflegebedürftig, springen in aller Regel Frauen ein. Und das kostet Zeit und Kraft.“ Kommt dann noch ein Job dazu, geht es sich kaum noch aus, sich politisch zu betätigen.

Fischer, die sich von Kindesbeinen an für Politik interessiert hat: „Wer in der Kommunalpolitik ist, sollte versuchen, die Welt im Kleinen zu verbessern. Oft werden heiße Kohlen nicht angegriffen und das kostet Zeit. Politik ist ein Zeitfresser. Frauen haben schlichtweg oft Besseres zu tun, als zu diskutieren.“

Unterschiedliche Generationen, Charaktere, Weltanschauungen – eine Frage eint sie: Wenn seit 100 Jahren die Hälfte der Wahlberechtigten weiblichen Geschlechts ist, warum befinden sich dann nur 67 Frauen unter den derzeit 183 Nationalratsabgeordneten?

Umfrage beendet

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