Rettet das Kind NÖ: „Pandemie wirklich extrem fordernd“. Pädagoginnen und Jugendliche ziehen Bilanz über ihre Erfahrungen im ersten Jahr der Corona-Pandemie im Schloss Judenau.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 26. Februar 2021 (04:44)
Sozialpädagogin Julia Harold, Jasmin und Fabian sowie die pädagogische Leiterin von Rettet das Kind im Schloss Judenau, Cornelia McGregor — fürs NÖN-Foto nahmen sie kurz die FFP2-Masken ab.
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Corona-Krise und Lockdowns stellen uns vor große Herausforderungen. Wie groß sind diese erst, wenn 70 Kinder und Jugendliche unter einem – zugegebenermaßen sehr großen – Dach leben und dieses manchmal wochenlang nicht verlassen dürfen? Die NÖN fragte in Schloss Judenau, am Stammsitz von Rettet das Kind Niederösterreich, bei der pädagogischen Leiterin Cornelia McGregor, bei Sozialpädagogin Julia Harold sowie bei den Jugendlichen Jasmin (17) und Fabian (15) nach.

Schloss Judenau ist der Stammsitz von Rettet das Kind Niederösterreich. Neben Wohngruppen und betreuten Wohnungen von JuVis beherbergen das Schloss und seine Nebengebäude heute Büros von RdK NÖ̈, einen Stützpunkt der Sozialpädagogischen Familienhilfe und einen Landeskindergarten.
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Rettet das Kind NÖ erklärt sich selbst sehr treffend auf der Homepage: „Wir betreuen Kinder, Jugendliche und Familien im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe. Uns leitet die Idee, dass Kinder trotz belastender Erfahrungen glücklich sein und Wege in ein gelingendes, eigenverantwortliches Leben finden können. Mit Respekt und Zuversicht unterstützen wir ihre Entwicklung.“ Die 70 Kinder und Jugendlichen am Stammsitz sind zu zirka einem Drittel im Kindergarten- und Volksschulalter, der Rest in älter. Sechs Wohngruppen befinden sich direkt im Schloss, ein Nebengebäude beherbergt Jugendwohnen: kleine Garconnièren zur Vorbereitung aufs selbstständige Wohnen. Die genannten Grundsätze haben sich offenbar auch in Zeiten der Pandemie bewährt.

„Der erste Lockdown war echt radikal.“ Jasmin (17)

Als besonders hart und fordernd stufen sowohl Betreuerinnen als auch Jugendliche den ersten Lockdown ein. „Die Angst war groß, wir hatten das Gefühl, alles abschotten zu müssen, schließlich ist die Ansteckungsgefahr in einem Haus wie unserem groß. Alles lief strikt getrennt, sogar im Hof. Elternkontakte konnten in dieser Zeit gar nicht stattfinden“, schildert McGregor. Für das Team bedeutete das Rund-um-die-Uhr-Betreuung, jetzt auch vormittags, wo sonst Kindergarten oder Schulbesuche anstanden. Kinder für die Alltagsroutine so wichtig ist, verbrachten jetzt 24 Stunden täglich im Schloss.

„Für die Jüngeren hatte dieser Lockdown nicht nur Nachteile. Denn er brachte ein Herunterfahren, weniger Kontakte, weniger Termine und damit eine gewisse Beruhigung“, erklärt die Leiterin. Ganz anders bei den Jugendlichen: Vor allem im Alter von 12 bis 16, in der Sturm- und Drang-Phase, seien soziale Kontakte und Freunde besonders wichtig.

Jasmin bestätigt: „Der erste Lockdown war echt radikal, wir waren quasi eingesperrt, es war wirklich extrem fordernd.“ Einerseits weil sie ihre Mutter und ihren Freund zwei Monate nicht treffen durfte, andererseits schulisch, weil sie gerade die FSB abschloss – letztlich mit Erfolg. „Der Sommer war um Einiges leichter, ich war sogar auf Urlaub in Salzburg“, erinnert sich Jasmin, die mittlerweile die Caritas-Schule in St. Pölten besucht. Die zielstrebige junge Frau weiß genau, wo sie hinwill: „In die Familienhilfe.“

„Es sind explosive Zeiten, aber durch ihren unglaublichen Einsatz haben es unsere Sozialpädagoginnen immer wieder geschafft“

Auch für Fabian (15) „war das Eingesperrt-Fühlen das Schlimmste“. Er schließt gerade die Pflichtschule ab und will dann eine Lehre als Zimmerer beginnen. Beide spürten die Reibungen, die immer wieder zu eskalieren drohten. „Für Jugendliche ist es hart. Gerade in unserem Alter, wo wir unsere Grenzen austesten und auch Dummheiten machen können sollten“, sagt Jasmin.

„Es sind explosive Zeiten, aber durch ihren unglaublichen Einsatz haben es unsere Sozialpädagoginnen immer wieder geschafft“, betont McGregor.

In einigen Extremsituationen, die nicht mehr anders zu bewältigen waren, mussten auch Polizei und Rettung zu Hilfe gezogen werden. Wenn sich danach die Gemüter wieder beruhigten, wurden Gespräche geführt. „Das hat auch heilsame Wirkung. Wie heißt es: Jede Krise ist auch eine Chance“, sagt Julia Harold, die seit knapp 10 Jahren im Schloss Judenau tätig ist.

Um Jugendliche auch im Lockdown zu beschäftigen startete man Projekte. So wird ein Pavillon im Garten gemeinsam mit neuen Wänden ausgestattet, die die Jugendlichen mit Graffiti verzieren, und den sie dann als Rückzugsort nutzen können. Ein betreutes Bewegungsprojekt an der frischen Luft bietet Gelegenheit zum Auspowern und dient als Ventil zum Dampfablassen. „Die Herausforderung für uns ist, das Schloss trotz allem als Wohlfühlort zu erhalten“, betont McGregor.

Dieser Pavillon im Garten von Schloss Judenau wird von den Jugendlichen neu gestaltet.
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Die Angst vor Corona ist nach wie vor groß, weil jeder Ausfall im Team schwer oder gar nicht zu ersetzen ist. „Wir versuchen im Leitungsteam alles, um die Kontakte unter den Pädagogen auf das Notwendigste zu reduzieren, wir halten viele Besprechungen über Video ab und testen uns regelmäßig“, schildert die Leiterin.

Wie es der Jugend mit Corona-Regeln ergeht? An die Masken haben sie sich gewöhnt, sie sind schon „so eine Art Kleidungsstück geworden“. Nur im Unterricht sei es anstrengend. „Man versteht die Lehrer nicht so gut, es ist schwierig längere Zeit damit zu reden und auch die Konzentration leidet“, sagt Jasmin. Es sei auch schwer nachzuvollziehen, warum man sie tragen müsse, obwohl alle Schüler im Raum gerade frisch getestet wurden: „Und wenn der Nasenbohrer-Test nicht ausreicht, dann lieber eine halbe Stunde für einen PCR-Test abzweigen“.

Weihnachten war anders und Feiern gehen unter

Was beiden fehlt sind die Fixpunkte im Jahr! Die Weihnachtsfeier fand im Freien statt, nicht im Festsaal, wo sonst jede Gruppe etwas aufführte. Auch Geburtstage und zuletzt der Fasching gehen in Corona-Zeiten unter. „Das ist echt Kacke!“, bringt es Fabian auf den Punkt.

Julia Harold findet Vor- und Nachteile: „Natürlich ist die Betreuung in dieser schwierigen Zeit intensiver, aber so haben wir auch mehr Zeit miteinander.“ Der erste Lockdown wäre noch einfacher zu bewältigen gewesen, „weil ein Ende in Sicht war, aber jetzt merkt man, dass es allen langsam reicht.“ Sie verstehe die Jugendlichen, „weil ich ja noch weiß, wie es ist mit 16, 17 Jahren.“ Corona ist einfach jeden Tag präsent. „Da können die Jugendlichen ihren Frust auch bei den Betreuerinnen abladen. Schimpfwörter dürfen fallen, solange es nichts Persönliches ist“, sagt Harold.

Was nach einem Jahr Pandemie an den Nerven der jungen Leute zehrt, sind Dauer und Art gewisser Einschränkungen. Jasmin: „Es ist schlimm, dass wirklich alle Lokale zu haben. Außerdem ärgert mich die extreme zeitliche Begrenzung mit 20 Uhr abends. Das nimmt uns die Selbstbestimmtheit! Ich verstehe ja, dass keine Discos offen haben, aber gar nicht zu dürfen, das ist einfach nur traurig.“

„Es ist schlimm, dass wirklich alle Lokale zu haben. Außerdem ärgert mich die extreme zeitliche Begrenzung mit 20 Uhr abends. Das nimmt uns die Selbstbestimmtheit!"

Jugendliche und Pädagoginnen sind sich einig: „Noch einen ganz harten Lockdown schaffen wir nicht - das würde uns psychisch an die Grenze bringen.“ Damit ist klar, was sich Cornelia McGregor wünscht: „Ein sorgenfreies Miteinander ohne Angst vor Ansteckung – das wird wohl noch dauern. Jetzt bin ich einfach dankbar dafür, wie wir das erste Corona-Jahr bewältigt haben. Es war für die Jugendlichen echt nicht leicht, aber wir haben immer zu einer guten Kooperation gefunden.“