Tulln

Erstellt am 14. März 2018, 05:30

von Doris Firmkranz

Gedenken, aber nicht vergessen . Erzählungen von Zeitzeugen und eine Ausstellung behandeln die Geschehnisse rund um den Einmarsch der Wehrmacht in Tulln.

Bilder wie dieses vom Aufmarsch deutscher Truppen am Tullner Hauptplatz 1938 werden ab 9. März ausgestellt.  |  NOEN, Fotoarchiv Tulln

Wer an diesem historischen Tag nicht selbst auf der Straße stand, um die einmarschierenden deutschen Soldaten jubelnd willkommen zu heißen, verfolgte die Ereignisse stundenlang im Radio. Aus diesem dröhnte die Stimme Adolf Hitlers. „Das habe ich heute noch in meinen Ohren“, erzählen Zeitzeugen.

Ausstellungseröffnung mit Bruno Pengl (Obmann des Briefmarkenclubs), Bürgermeister Peter Eisenschenk, Christoph Helfer (Direktor der Museen), Manfred Schobert (Fotoarchiv ) und Gemeinderat Peter Höckner.  |  NOEN, BS

Eine Familiengeschichte, die Eleonore Hebenstreit bis heute begleitet, zeigt das harte Durchgreifen der Wehrmacht: „Ich stamme aus einer sehr katholischen Familie. Mein Schwiegervater war Bäckermeister, wurde vom Backofen weg verhaftet und erst nach ein bis zwei Tagen aus der Schutzhaft entlassen.“ Dies geschah, als am 10. April über eine Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich abgestimmt werden sollte — bei einem Volksentscheid, der keiner war.

„Leute wurden aus der Familie weggeholt, um nicht bei der Abstimmung eventuell doch eine falsche Stimme abzugeben“, erinnert sich Hebenstreit. Als sie im Alter von 20 Jahren anfing in der Bäckerei zu arbeiten, kam eine Jüdin ins Geschäft. Diese erzählte ihr, dass sie in großer Dankbarkeit zur Familie verbunden wäre. „Meine Schwiegermutter hatte sie damals bei der Hand genommen, ins Wohnzimmer geführt und ihr Mehl, Gries und Brot gegeben, was meiner Familie den Kopf hätte kosten können“, so Hebenstreit.

„Egal, wo ihr seid, haltet bitte den Mund“

Stadthistoriker Roderich Geyer wuchs in Judenau auf und war beim Einmarsch sechs Jahre alt. Er schilderte viele Ereignisse, kann letztlich aber nur Tatsachen, nicht jedoch die Stimmung reproduzieren.

Auch in seiner Familie ging die Angst um. Geyers Vater war zwar angesehener Arzt, jedoch ein Christlichsozialer und so waren es auch für sie Wochen der Nervosität. Eingesperrt und schließlich auch ins KZ gebracht wurde jedoch Geyers Großvater, der sich gegen den Faschismus verbal zur Wehr setzte. „Sie haben ihre Macht demonstriert, indem sie alle relativ schnell verhaftet haben. Unsere Eltern gaben uns ständig den Rat ,Egal, wo ihr seid, haltet bitte den Mund’“, entsinnt sich Geyer.

Der eintretende wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland, die durch Hitler eingeführte Entschuldung der Bauern und das Versprechen von Arbeitsplätzen waren für ihn nicht die einzigen Gründe, warum es auch in Tulln zu einer immer größeren Auflehnung gegen den Ständestaat zu dieser Zeit kam. Geyer: „Du kannst mit einem Menschen viel machen, wenn du ihn in seinen Lebensnotwendigkeiten beeinträchtigst, nichts zu essen und zu trinken gibst, oder ihn einfach einsperrst. Und das konnten sie richtig gut.“

„Du kannst mit einem Menschen viel machen, wenn du ihn in seinen Lebensnotwendigkeiten beeinträchtigst"

Intensiv auseinandergesetzt mit den damaligen Geschehnissen hat sich Historiker Christoph Helfer. Akribisch forschte er in der Vergangenheit und hielt die Ereignisse in einer einzigartigen Chronologie fest. Anlässlich der Eröffnung der Gedenkausstellung gab er einen detaillierten Überblick über die damaligen Geschehnisse.

„Den Denkansatz ,ziehen wir endlich einen Schlussstrich, es ist eh schon alles gesagt worden’ halte ich für falsch und gefährlich"

Zur oft geäußerten Forderung, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen, meint Helfer: „Den Denkansatz ,ziehen wir endlich einen Schlussstrich, es ist eh schon alles gesagt worden’ halte ich für falsch und gefährlich. Wir brauchen, um im Bild zu bleiben, gerade in Zeiten wie diesen, keinen Schlussstrich oder Punkt, der unter oder hinter eine vermeintlich abgeschlossene Sache gesetzt wird.“ Veranstaltungen wie die derzeitige Ausstellung seien auch 80 Jahre nach den Ereignissen, mit denen sie sich beschäftigt, wichtig und richtig, weil nur ein umfassendes Wissen vor fatalen Fehlern und falschen Einschätzungen der Vergangenheit schützen könne.

Auch Bürgermeister Peter Eisenschenk mahnte bei der Eröffnung davor, die dunkelsten Jahre Österreichs ad acta zu legen: „Jeder hat zwei Seiten. Die Aufgabe der Politik ist es, mit Symbolen und Sätzen so umzugehen, dass die negativen Ansichten nicht auch noch verstärkt werden und keinesfalls durch manipulative Eingriffe das Böse in anderen zu mobilisieren.“