Tulln

Erstellt am 13. Juni 2018, 05:00

von Thomas Peischl

Neue Heimat für Verein der Bosniaken Kevser. Obmann Admir Muratovic und Imam Senad Kusur erklären, warum sie ein neues Vereinshaus errichten und warum sie nicht Teil einer Parallelgesellschaft sind.

Admir Muratovic und Senad Kusur vor dem Eingang zum künftigen Gebetsraum im neuen Vereinshaus.  |  NOEN, Peischl

Die Gratiszeitungen „Bezirksblätter“ und „Heute“ berichteten vom Bau einer Moschee in der Bezirkshauptstadt. Die FPÖ warnte in diesem Zusammenhang umgehend vor der „Entstehung einer Parallelgesellschaft“.

Tatsächlich baut der Verein der Bosniaken „Kevser“ in der Porschestraße ein neues Vereinshaus. Ein Teil davon wird auch ein Gebetsraum, der bis zu 150 Personen Platz bieten soll. Die NÖN traf Vereinsobmann Admir Muratovic und Imam Senad Kusur zum Gespräch und zur Baustellenführung.

„Tulln ist unsere Stadt und Österreich ist unser Land.“ Admir Muratovic

Zunächst ging es aber in die derzeitigen Vereinsräumlichkeiten, die man seit Vereinsgründung 2012 in der Langenlebarner Straße angemietet hat. Diese Räume erfüllen den Zweck, im Gesellschaftsraum im Erdgeschoß trifft man sich, um zu plaudern oder, um Fußball-Matches auf der Leinwand zu verfolgen. „Wenn Bosnien oder Österreich spielen, schauen wir immer“, sagt Muratovic. Als Chef eines Malereibetriebes unterstützt er den FC Tulln als Sponsor und ist dort auch Kassierstellvertreter.

Im Keller (!) befindet sich der aktuelle Gebetsraum. Mit einem feinen Teppich und edlen Lampen wird vergeblich versucht, Atmosphäre zu schaffen. „Würden Sie hier zum Beispiel heiraten wollen?“, fragt Muratovic. Eher nicht. Aus dieser eher geistlichen Richtung und aus handfesten finanziellen Gründen (warum Monat für Monat Miete zahlen?) war der Vereinswunsch nach etwas Eigenem gewachsen. Jetzt habe sich in der Porschestraße die Gelegenheit ergeben. Das Haus wird sich optisch in die Nachbarschaft fügen, es gab keine Einwände von Stadt oder Anrainern. Fertiggestellt werden Vereinshaus und Nebengebäude abhängig von Material- und Geldspenden und der Verfügbarkeit von freiwilliger Arbeitskraft.

Das neue Vereinshaus, das neben einem Gebetsraum auch eine Galerie, zwei Waschräume, einen Gesellschaftsraum, einen Seminarraum, eine Bibliothek und ein kleines Büro beinhalten wird. Abgeteilt durch einen Hof entsteht ein zweites Gebäude mit Geschäfts-/Lagerräumen im Erdgeschoß und zwei Wohnungen im ersten Stock, die vermietet werden sollen.  |  NOEN

„Ein Teil unserer Gemeinschaft ist seit den 60er oder 70er-Jahren hier, andere seit dem Jugoslawien-Krieg Anfang der 90er. Gerade letztere haben im Krieg oft schlimme Dinge erlebt, dadurch hat das spirituelle Bedürfnis noch zugenommen“, erklärt Imam Kusur. Er lebte lange in Deutschland, wo er auch die Sprache lernte. Seit 2010 lebt der wissenschaftliche Mitarbeiter der Donauuni Krems in Österreich, seit 2012 in Tulln.

„Tulln ist unsere Stadt und Österreich ist unser Land“, betont Muratovic, der sich genauso wenig wie Kusur als Teil einer Parallelgesellschaft sieht. „Pluralität ist wichtig. Man kann nur miteinander und voneinander lernen“, ergänzt Kusur, dem interreligiöser Austausch ein großes Anliegen ist.