Warum Maria das Messer holt: Markus Hirsch über Buch. Markus Hirsch aus Raabs wählte für sein neues Buch ein eindrucksvolles Bild – und erklärt, wie seine weibliche Hauptfigur dorthin gelangt.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 18. Juni 2021 (03:47)
Markus Hirsch
Karin Widhalm

Eine Frau, die sich mit dem Messer in der Hand über ihren schlafenden Mann beugt: Markus J. Hirsch aus Raabs beginnt in seinem neuen Buch der Wirtshaus-Trilogie mit einem eindrucksvollen Bild. Es sei eines Nachts, als er nicht schlafen konnte, aufgetaucht. Daraus entstand „Das karge Mädchen“, im Innsalz-Verlag erschienen.

NÖN: Warum ist dieses Bild der Buch-Startpunkt geworden?

Markus Hirsch: Weil es als allererstes da war und ich es als sehr starkes Bild empfunden habe. Ich habe mir gedacht: Das ist ein irrsinnig guter Einstieg, wenn es so heftig beginnt. Die Figur Maria habe ich dann erst im Schreiben erschaffen. Warum kommt sie dorthin, dass sie da steht und überlegt, ob sie jetzt einstechen soll oder nicht? Ich habe mir die Geschichte von ihr erzählen lassen.

Spielt Ihre Arbeit als Psychiater für diese Geschichte eine Rolle?

Hirsch: Das gilt sicher für alle meine Bücher, dass ich durch meine Arbeit als Psychiater geprägt bin. Wie ticken Menschen? Was geht in ihnen vor? Wieso verhält sich jemand in bestimmten Fällen so, obwohl man weiß, dass das nicht g’scheit ist? Gefühlsumstände und Reifungsprozesse, die jeder im Leben durchmachen muss, fließen in die Texte ein.

Warum steht eine Frau im Mittelpunkt?

Hirsch: Mein erstes Buch war durchgehend männlich dominiert. Beim Zweiten war’s klar, dass es eine Frau sein muss. Diesmal auch, obwohl ich es vielleicht auch aus der Sicht ihres Gatten erzählen hätte können. Aber das erste Buch war deutlich dicker als die folgenden beiden, jetzt ist das Frau-Mann-Gleichgewicht ausgeglichen.

2019 ist ihr erstes Buch erschienen: Gehört das Schreiben mittlerweile zum beruflichen Alltag?

Hirsch: Das ist jetzt ein fixer Bestandteil geworden, weil ich in beruflicher Sicht mit der Ordination deutlich geregeltere Arbeitszeiten als im Krankenhaus habe und das Schreiben zur Routine geworden ist. Beim dritten Buch habe ich aber schon ein paar Mal gerungen beim Schreiben. Aber das Wissen, dass ich es schon einmal geschafft habe, bringt mehr Sicherheit im Schreibprozess.

Es ist so, dass ich während des Schreibens vorrangig für mich schreibe, erst dann überlege ich: Will ich das rausbringen? Vorher rede ich auch nicht über die Bücher und sage nicht, worum’s geht. Es ist ganz meins. Selbst mein Freund erfährt erst den Inhalt, wenn’s fertig ist.

Wie können sie etwaige Schreibblockaden überwinden?

Hirsch: Ich schreibe grundsätzlich in Handschrift und tippe dann alles nachträglich ab. Als ich ins Stocken kam, habe ich diesmal zwischendurch den Text abgetippt – und die Geschichte dann am Laptop fertig geschrieben. Und seit „Der Ex-Mensch“ bin es gewöhnt, dass ich mir zwei, drei Sätze für den nächsten Tag aufhebe, damit ich einen Anknüpfungspunkt habe. Beim Spaziergehen fallen mir außerdem gewisse Eckpunkte ein – und wenn ich’s mir bis zu Hause merke, dann überlege ich: Wie passt das rein?

Ihre Mutter hat mittlerweile ihr zweites Buch „Rudi und ich“ mit Episoden über ihr Leben und ihren Mann veröffentlicht. Hat sie sich von Ihrem Autor-Dasein inspirieren lassen?

Hirsch: Ich glaube, dass es eine gegenseitige Inspiration war. Meine Liebe zur Literatur ist sicherlich durch meine Mama geprägt worden, weil sie selbst gerne viel liest und das an uns Kinder weitergegeben hat. Ihr Psychotherapeut hat sie ursprünglich zum Schreiben ermuntert. Sie hat sich entschlossen, ihre Kindheitserinnerungen, die sie oft bei Familientreffen erzählt, für ihre Kinder und Enkelkinder niederzuschreiben. Die gebundenen Exemplare hat sie uns dann an Weihnachten geschenkt. Später hat sie mich gefragt, ob sie ihre Texte zu einem Verleger schicken soll, – dann ist ein Buch daraus geworden.

Was im Buch Ihrer Mutter auffällt, ist, wie viel sich innerhalb von 60 Jahren verändert hat ...

Hirsch: Ja, meine Mutter erzählt oft, dass ein Lehrer an ihrer Schule gesagt hat: Dem Menschen wird es nie gelingen, den Mond zu erreichen. Ein paar Jahre später darauf war die Mondlandung. Heute hat jeder Zehnjährige ein Smartphone, sie kennen sich in dieser Welt besser aus als unsere Generation. Aber die Blumen, die auf der Wiese wachsen, kennt man oft nicht mehr. Meine Mutter ist in der russischen Besatzungszeit aufgewachsen: Sie erzählt von einer sehr schönen, unbeschwerten und glücklichen Zeit, trotz der harten Arbeit.

Aber sie thematisiert auch Tiefpunkte oder Probleme.

Hirsch: Meine Mutter und ich sind diejenigen, die Probleme ansprechen. Bei mir ist es ziemlich berufsbedingt, weil ich meine Patienten dazu ermutige, das zu tun, um dadurch Lösungen finden zu können. Ich würde es nicht in Ordnung finden, wenn ich das selbst nicht leben würde und das habe ich selbst lernen müssen. Meine Mutter hat viele Jahre sehr viel hinunterschlucken müssen und hat sich nicht behaupten können, das hat ihr gesundheitliche und psychische Probleme bereitet. Sie hat gelernt, das Aussprechen von Problemen mehr zu leben. Jeder muss lernen, dass die eigene Meinung Gültigkeit hat und durchaus wertvoll ist.

Müssen Frauen auch heutzutage lernen, dass sie sich behaupten dürfen?

Hirsch: Das ist weiterhin ein Thema, aber es hat sich viel geändert. Ich würde es außerdem umfassender sehen, denn das ist kein geschlechtsspezifisches Thema, sondern gilt auch für Männer, aus den Erwartungen und Strukturen herauszutreten und sich dem zu stellen. Die Bildung und die Herkunft spielt hierbei eine große Rolle.

Das wird auch in Ihrem neuen Buch sehr deutlich.

Hirsch: Ja, Maria wächst durchaus in einer unterprivilegierten Schicht auf und versucht dennoch, sich freizustrampeln. Bildung ist wichtig. Aber es gilt auch der Umkehrschluss: Wenn ich ein privilegiertes Leben habe und nichts daraus mache, dann bringt’s einem auch nichts.