"Sprachwerker“ Friedrich Hahn: „Will nicht mitspielen“. Lyrik, Prosa, bildende Kunst: Friedrich Hahn geht über Grenzen und erzählt trotzdem gerne.

Von Johannes Bode. Erstellt am 16. April 2021 (04:04)
Geboren in Merkengersch, schreibt in Wien: Friedrich Hahn.  
privat

43 Bücher, dazu über 20 Arbeiten für Hörfunk und Bühne: Friedrich Hahn ist, so sagt er selber, „der meistpublizierende unbekannteste Autor Österreichs“. Natürlich ist das eine der „kleinen Gesten“, die Hahn nicht nur in sein Werk einstreut, sondern auch im Gespräch verwendet, ein Sprachspiel mit Miniatur und Superlativ.

Aber es steckt da auch, so ist das bei Sprachspielen, etwas Eigentliches dahinter: Hahn ist einer, der sich nicht um jeden Preis vermarkten will. Aber er ist dennoch eine umtriebige Figur im Kunst- und Literaturbetrieb, die Literatur-Zeitschriften herausgibt bzw. an ihnen mitschreibt (Neue Texte, Das Pult, Podium), Workshops organisiert, junge Autoren unterstützt, Essays und Kritiken schreibt und zu Literaturveranstaltungen („Dichte(r) Meile“) lädt. Und er ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und der Literaturvereinigung Podium. Sein Theaterstück „Im Rücken des Schattens“ wurde vom Theater „Die Rampe“ in Stuttgart aufgeführt.

„Der größte Erfolg meiner Bücher ist der, dass sie Bücher geworden sind.“ Friedrich Hahn

Und das alles ging sich neben diversen Brotjobs und neben seiner 10-jährigen Tätigkeit als Bezirksrat im 9. Wiener Gemeindebezirk aus. „Ich habe ja auch der Werbebranche zugearbeitet“, erzählt Hahn. Und mit einem Spruch ist er wohl trotzdem und wahrscheinlich unfreiwillig österreichweit bekannt geworden: „Ohne Rauch gehts auch.“

Mit sechs Monaten nach Wien. Friedrich Hahn, 1952 geboren, verließ im Alter von sechs Monaten mit seinen Eltern Merkengersch, um nach Wien zu ziehen. Die Schwester seiner Mutter sollte den Bauernhof weiterführen. Die Verbindung zum Waldviertel blieb bestehen, die Familie verbrachte die Ferien am Bauernhof, Friedrich Hahn wurde ab und zu als Erntehelfer eingesetzt. Aus dem Jungbauern wurde zwar kein richtiger Bauer, an die Urlaube erinnert er sich trotzdem gern: „Wir hatten die Thaya zum Baden, es waren immer tollen Ferien.“

Lesung im Jahr 2020 in der „Alten Schmiede“ in Wien – ein Online-Stream.
privat

Mit 16 oder 17 Jahren startet Hahn die ersten Schreibversuche. „Ich war verliebt und hab komische Texte geschrieben, sehr kitschig.“ Das sollte sich bald ändern: Mit experimenteller Lyrik, die sich der Sprache als Material nähert, wird er zum „Sprachzertrümmerer“: „Obwohl ich mich in Richtung narrative Texte weiterentwickelt habe, hängt mir das noch immer nach. Ein Schriftsteller sollte besser mit einem Roman beginnen.“

Hahn nimmt 1988 am Bachmann-Wettbewerb teil und bringt neben Gedichten auch Erzählungen heraus, etwa beim Wiener „Verlag flutlicht“. Seit 1999 ist er „freischwebender Sprachwerker“ (also freier Schriftsteller), 2001 erscheint ein Text im Waldviertler Verlag „Bibliothek der Provinz“.

Seine Experimente führten ihn aber auch in Richtung Bildende Kunst und zur Kombination von Schrift und Bild. Mit Objekten, Fotografien, Malerei oder Collagen gestaltete Hahn auch Ausstellungen, unter anderem im NÖ Landesmuseum. Die Verbindung mit dem Land Niederösterreich ist für den in seinem Atelier im 9. Bezirk Schreibenden nie abgebrochen, was sich auch in der Verleihung des Kulturpreises des Landes oder im Ankauf des Vorlasses durch das Literaturarchiv NÖ widerspiegelt.

Den Literaturbetrieb versieht er währenddessen regelmäßig mit Kritik. Auch wenn Hahn das als „gewisse Geste“ bezeichnen würde: „Ich will einfach nicht mitspielen im Konzert der Medien, wo es darum geht, sich irgendwie einen Namen machen zu müssen.“

So schreibt Hahn etwa über einen Autor, der schreibt, aber nicht veröffentlicht: „Melchiar oder Von der Kunst, keinen Roman zu schreiben“ ist 2019 erschienen. In der „Bibliothek der Provinz“ kam, ebenfalls 2019, der Roman mit dem schönen Titel „Der Autor steht für Lesungen und Pressetermine nicht zur Verfügung. Eine Nahaufhörerfahrung.“ heraus.

Über das Anfangen und ebenso das Aufhören geht es im neuen Roman „Das Debüt“ (siehe Buchbesprechung rechts). „Das ist auch ein bisschen Koketterie, weil der Markt immer an Debüts interessiert ist,“ so Hahn. Ob man als Schriftsteller wahrgenommen werde, das würden schließlich die anderen entscheiden: „Ich will einfach nur schreiben, das steckt in mir, und da kann ich gut produktiv sein. Der größte Erfolg meiner Bücher ist der, die sie Bücher geworden sind.“

Die Lockdowns hat Hahn bisher gut überstanden, auch weil er vorgesorgt hat. „Nun kommen sogar wieder Jobs rein“, erzählt er: Lesungen, etwa in der „Alten Schmiede“, dazu sein Schreib-Workshop in Geras, der im Sommer wieder stattfinden soll. Dort versucht er auch, junge Autorinnen und Autoren zu fördern. „Und man atmet da auch ein bisschen Heimat.“

Kleiner Lesetipp für alle Literaturfreunde: Auf der Homepage von Friedrich Hahn findet sich unter dem Punkt „Leseliste“ ein Büchertagebuch: Hahn bespricht dort Romane oder schreibt kurze Essays, etwa zu „literarischen Erkenntnismethoden“.