Hirsch: „Gebe Mut, zu sich selbst zu stehen“. Markus Hirsch erzählt, wie sein erster Roman entstand und warum manche mit der Homosexualität hadern.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 18. September 2019 (04:51)
Karin Widhalm
Markus Hirsch mit seinem Erstlingsroman „Der Ex-Mensch“.

Markus Hirsch führt in „Der Ex-Mensch“ langsam in die Geschichte ein, sodass der Leser stückweise realisiert: Da spricht ein Vater, der seine Familie verlassen hat und seinem Sohn das Warum zu erklären versucht. Was fasziniert: Der Autor lässt weitgehend nur den Vater sprechen, aus gutem Grund, wie sich zum Schluss herausstellt.

„Der Ex-Mensch“ dreht sich um ein Familienleben in seiner Idealform: „Er Arzt, sie Lehrerin, wobei sich’s dann spießt und dann kommt noch seine Homosexualität dazu“, schildert der Raabser. Die Risse bleiben erst im Verborgenen und bringen dann alles zum Zerbersten. Hirschs Urbild war der Vater, der sein „verlorenes“ Kinder unvermittelt auf einer Bank sitzend vorfindet.

„Ich fände es am schönsten, dass man sich nicht mehr outen muss, ob man auf Männlein oder Weiblein steht.“ Markus Hirsch 

Wie diese Begegnung abläuft, schrieb der Autor in mehreren Versionen nieder. Der Schreibfluss kam, als er sich eine Auszeit als Spitalsarzt nahm und bevor er sich als Psychiater eine eigene Ordination aufbaute. Hirsch benötigte nicht lange, brachte den Roman handschriftlich von März bis September 2018 in seinem Garten zu Papier. „Ich war selber überrascht, dass ich’s fertig kriege.“ Das Abtippen, Korrigieren und Umformulieren folgte im Herbst.

Die ersten Exemplare wurden von ausgewählten Personen gelesen, die Hirsch zu einer ehrlichen Kritik aufforderte. Ihre Reaktion bestärkte ihn, Exposé, Lebenslauf und Leseprobe an ein paar Verlage auszusenden. Die meisten reagierten nicht – und Hirsch rief sich in Erinnerung, dass über 20 Verlage „Schlafes Bruder“ abgelehnt hatten.

Er wagte den nächsten Schwung im April: Wolfgang Maxlmoser vom Innsalz-Verlag nahm den Kontakt auf. „Und ich hab’s überhaupt nicht glauben können“, lächelt Hirsch. „Das war so irreal, dass es wirklich etwas wird.“ Erst beim Druck des Buches verständigte er alle Bekannten über eine Neuerscheinung aus seiner Feder.

Hirsch schöpft aus seiner Familientherapie-Ausbildung und daraus, „was man von Familie, Freunden und aus eigenen Beziehungen mitkriegt“. Autobiografisch sei der Roman nicht, nur mit der Ausnahme, dass Hirsch selbst homosexuell ist. Die Identitätssuche seiner Romanfigur kennt er allerdings nicht. „Ich habe mit 17 gewusst, wo ich hingehöre“, erzählt er, dass er nie daran dachte, eine Familie in klassischer Form zu gründen. „Auch mein Partner nicht.“ Er kenne aber Beispiele, „die sich selbst und ihrer Familie dabei viel angetan haben“. Er möchte mit seinem Werk „Mut geben, zu sich selbst zu stehen“.

"Von Generation zu Generation wird’s leichter"

Es solle eine Motivation sein zu sagen: „Ich darf so sein, wie ich bin, und das ist in Ordnung.“ Denn: „Es tun sich generell viele Menschen schwer, zu sich zu stehen.“ Die Idee, dass es über dem Gesellschaftbild Mann-Frau noch anderes gibt, löse Unsicherheiten aus. „Von Generation zu Generation wird’s leichter.“

Negative Erfahrungen habe Hirsch selbst keine erlebt. „Ich stamme aus einem Gasthaus und kenne die Gäste an den Stammtischen. Sie sind nicht anders mit mir umgegangen“, erzählt er. „Was hinter meinen Rücken geredet wird, weiß ich nicht, und ist mir herzlich wurscht.“ Er glaube, dass die Gesellschaft offener geworden ist, auch wenn Tendenzen in die andere Richtung zuletzt spürbarer geworden seien. Aber: „Das Bild ändert sich“, führt er aus. Man merke, dass „der typische Schwule als schriller Paradiesvogel“ nicht die Regel ist.

„Ich fände es am schönsten, dass man sich nicht mehr outen muss, ob man auf Männlein oder Weiblein steht.“ Der Wortteil „Mensch“ im Begriff „Homosexualität“ solle im Vordergrund stehen, nicht seine „Sexualität“. Das schwingt in Hirschs Roman, dessen Veröffentlichung ihm viel bedeutet.

„Dieses Gefühl, das Buch in der Hand zu halten, da ist ein absoluter Lebenstraum in Erfüllung gegangen.“ Wird ein Zweites nachkommen? „Ja, Ideen sind da. Ich lasse das einfach auf mich zukommen“, wolle er nicht unnötig Druck aufbauen.