Neues Buch: Im Kopf einer Psychiatrie-Patientin

Markus Hirsch schöpfte für sein neues Buch aus seiner Tätigkeit als Psychiater. Ein Interview über Gewalt, Suizid und den Willen, etwas zu verändern.

Karin Widhalm
Karin Widhalm Erstellt am 18. September 2021 | 05:02
440_0008_8177683_wai37bandl_hirsch_markus_katatonie.jpg
Markus Hirsch mit seinem neuen Buch.
Foto: Karin Widhalm

Es ist das erste Buch aus der Feder von Markus J. Hirsch, das von seiner Tätigkeit als Psychiater geprägt ist: Hanni Zach liegt in der psychiatrischen Abteilung, sie musste nach einer Notfallsituation fixiert werden. Der Leser erfährt nach und nach, welche Ereignisse dazu geführt haben, dass die Patientin immer wieder in der Psychiatrie behandelt werden muss. Hirsch hat „Katatonie“, erschienen im Innsalz-Verlag, aus Sicht der Patientin geschrieben und gewährt Einblick in ihre Gedankenwelt.

NÖN: Sie haben Ihr viertes Buch in vier Wochen geschrieben, das deutet auf einen zügigen Schreibfluss hin: Was war der Auslöser für Ihre Idee?

„Für mich war es fast so, dass ich jeden Tag auf Visite gehe und jedes Mal etwas Neues von dieser Frau erfahre.“ Markus Hirsch

Markus Hirsch: Die Idee war ein Mensch, der in einer psychiatrischen Abteilung im Bett fixiert werden und Zwangsmedikation erhalten muss. Ich habe am Christtag angefangen, die Ordination war zu, Lockdown war – und ich hatte einfach Zeit zum Schreiben. Die Geschichte hat sich dann ganz rasch von selber entwickelt. Für mich war es fast so, dass ich jeden Tag auf Visite gehe und jedes Mal etwas Neues von dieser Frau erfahre.

Was ist die Katatonie?

Hirsch: Der psychiatrische Fachbegriff beschreibt einen sehr schweren psychischen Zustand, vor allem bei Schizophrenie, kann aber auch bei Depression vorkommen. Die Menschen erstarren, reagieren nicht mehr und sind in sich versunken. Oder es tritt das Gegenteil ein: ein völliger Erregungssturm, sie schlagen um sich, man kann sie nicht erreichen.

Wie reagiert man als Arzt?

Hirsch: Mit hoch dosierten Medikamenten, Reizabschirmung, Fixierung zum Eigen- und Fremdschutz, manchmal ist eine Elektrokrampftherapie eine lebensrettende Maßnahme: Im Film oft als Strafmaßnahme dargestellt, ist sie eine gute und effektive Behandlungsmethode.

Was ist die Ursache für die Katatonie?

Hirsch: Das ist oft schwer zu sagen. Das können schwere Lebensveränderungen sein, wie Todesfall, Trennung oder andere Belastungen.

Wieso können die einen Menschen besser zum Beispiel mit einem Todesfall umgehen als andere?

Hirsch: Kennen Sie die Resilienz? Das ist die persönliche Widerstandsfähigkeit. Man versucht zu erklären, was die Menschen widerstandfähig macht, damit sie nicht krank werden. Da spielen viele Faktoren zusammen: Genetik, Erziehung, Bildung, Vorerfahrungen und vieles mehr. In Wahrheit weiß man’s nicht, warum es manche es ohne Behandlung schaffen.

Ihre Figur sagt: „Was wisst ihr denn schon? Menschen behandeln, in dem ihr sie zurück zwingt in ein Leben, das sie nicht mehr ertragen.“ Ist das als Kritik des Autors am System zu verstehen?

Hirsch: Das ist sicher zu weit interpretiert. Eine Fixierung und Zwangsmedikation ist eine gesetzlich erlaubte und notwendige Gewalt, – aber es ist trotzdem eine Gewalt. Man muss Maßnahmen ergreifen, die nicht im Sinne des Patienten sind. Das Wichtigste ist, dass man sein Tun reflektiert und hinterfragt. Es muss einem bewusst sein, was man tut. Gleichzeitig muss man sich fragen, was die Alternativen sind. Kann ich es verantworten, dass jemand ein Häferl zerschlägt und sich oder jemand anderen verletzt? Spätestens, wenn man das sieht, wird man antworten: Nein. Viele Patienten sind im Nachhinein dankbar, dass man das nicht zugelassen hat.

Ich weiß schon, dass ich im Buch Fragen aufwerfe und ich weiß, dass ich dazu keine befriedigenden Antworten geben kann, weil es immer eine Entscheidung im Moment ist. Wichtig ist, dass man sich diesen Fragen stellt.

Sie beschreiben außerdem einen schweren Suizidversuch: Ist eine Thematisierung nicht haarig?

Hirsch: Was ich befürworte, ist, dass in Medien nicht über Suizid berichtet wird, weil es den Nachahmungseffekt gibt. Kein Mensch ist davor gefeit, dass er Suizidgedanken hat. Aber von dem Gedanken, ich mag nicht mehr, bis hin zur Entscheidung, ob man es mit Medikamenten und einer Behandlung versuchen sollte, und zur Tat liegt ganz viel dazwischen.

Wichtig ist zu wissen: Es gibt Hilfe. Und wichtig ist, es auszusprechen. Niemand muss sich dafür genieren, das gehört zu einer Krankheit. Oft wird nicht verstanden, wie es passieren kann, dass ein Patient behandelt wurde und ein paar Stunden später Suizid begeht. Als Arzt weiß ich einfach nicht alles: Wir haben keinen Röntgenblick oder Suizidscanner. Im Gespräch muss der Patient nicht suizidal sein, später kann eine private Enttäuschung auftreten – und die Situation sieht völlig anders aus. Das klingt vielleicht hart, aber so wie in der Internen Abteilung Menschen laufend an Herzinfarkt sterben, so gehört der Suizid zur Psychiatrie.

Wie vielen Menschen kann geholfen werden?

Hirsch: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir sehr vielen Menschen helfen können, auch mit Abstufungen: Für die einen ist ein normales Leben ganz ohne Medikamente und Therapie möglich, für andere nicht. Im Buch lebt die chronisch kranke Patientin in einer Pflegeeinrichtung, weil ihr Zustand so schlecht geworden ist.

Was man nicht vergessen darf: Es kommt immer auf die Umstände an. Wenn ich nur Pulver schlucke, wird sich mein Leben nicht verändern. Wenn der Patient nicht den Willen hat, etwas zu ändern, dann wird’s nicht besser werden. Das ist sicher etwas, womit ich in der Ordination mehr konfrontiert bin.