Der Job der Caritas-Klienten in der "Recycling Vitis". Dass die Caritas seit 2008 mit Carla im Ort vertreten ist, wissen viele; schon alleine, weil Spenden abgegeben werden oder etwas gekauft wird. Dass die Recycling-Station nichts mit dem Secondhand-Laden zu tun hat, wissen schon weniger...

Von Karin Widhalm. Erstellt am 03. Oktober 2019 (15:03)

„Die meisten Vitiser glauben, das hängt zusammen“, erklärt Günther Hammerl, Leiter des Recycling Vitis. Doch was passiert eigentlich bei ihm?

Das 2007 gebaute Haus ist darauf spezialisiert, Restgarn von den Spulen runterzulösen. Das getrennte Material wird zu Ballen zusammengedrückt und zur Weiterverarbeitung verschickt. Die Bestände werden (über einen Zwischenhändler) von der Autoindustrie geliefert, deren Maschinen die Spulen nicht den letzten Faden aufarbeiten: Alle werden zugleich ausgewechselt, um effizient Textilien für Sitze, Sicherheitsgurte oder Teppiche herstellen zu können. Die zweite Recycling-Schiene betrifft Restbeständen von Airbag-Produktionsbetrieben. Gewebe und Folie müssen voneinander gelöst werden. Und das machen 28 Menschen mit Behinderung.

Wollen nicht "Menschen mit besonderen Bedürfnissen" genannt werden

„Unser Klienten möchten genauso genannt werden“, betont Hammer. „Sie sagen, sie sind keine Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Sie haben Bedürfnisse wie jeder andere.“ Den Tag sinnvoll zu verbringen gehört dazu. „Am liebsten würde ich die Arbeit mit nach Hause nehmen“, sagt einer der Klienten der NÖN. „Die Arbeit hat für sie einen hohen Stellenwert, ansonsten könnten wir diese Mengen nicht verarbeiten“, ergänzt Hammerl. Caritas-Werkstätten aus Zwettl, Waidhofen, Horn und Krems holen zudem Material ab und helfen so mit.

400 Tonnen Karton, 1.000 Tonnen Garn und 500 Tonnen Airbag-Gewebe verlässt jährlich die Halle. 90 Prozent gelangt zurück nach Deutschland. „Wir können das nur machen, weil eine EU-Verordnung besagt, dass mindestens 15 Prozent diese Kunststoffprodukte wiederverwertet werden müssen. Sonst würden sie auf der Deponie oder in der Müllverbrennung landen“, erläutert Hammerl. 150 bis 180 Lastwagen liefern jährlich an und ab, maximal 24 Tonnen passen auf einen Lkw. „Einige Waldviertler Betriebe bringen uns auch Material, aber das sind verschwindend geringe Menge. Schön ist aber, dass sie auf uns aufmerksam geworden sind, und sie schenken’s uns. Das ist für uns eine Spende.“

Gewinn wird an Mitarbeiter ausbezahlt

Die meisten Mitarbeiter haben kognitive Beeinträchtigungen und kommen aus den Caritas-Wohnhäusern in Schrems und Schwarzenau und dem Kolpinghaus Waidhofen. Ein Drittel wohnt in einem eigenen Zuhause und bei ihren Eltern. Sechs Angestellte hat der Betrieb, ebenfalls Menschen mit Behinderung, die aber wegen ihrer höheren Leistungsfähigkeit einen geschützten Arbeitsplatz erhalten haben. „Wir nehmen so viel ein, dass wir uns das leisten können. Ich habe schon scharf kalkuliert“, sagt der Leiter. Die anderen 28 Mitarbeiter erhalten kein Gehalt, sondern ein fixes Taschengeld, vorgegeben vom Land NÖ. Und: „Der Gewinn, den wir erwirtschaften, wird an unsere Leute ausbezahlt.“ Die Firma wird pro Kilo Garn und Gewebe bezahlt.

Die Recycling-Station ist eine der (immer vollen) Caritas-Behindertenwerkstätten, allerdings ist die Wertigkeit eine höhere. Das zeigt schon der Umstand, dass jährlich ein Betriebsausflug getätigt wird und jeder Mitarbeiter mit einem Firmenshirt ausgestattet ist.

"Soll keine Endstation sein"

„Wir sehen uns schon als Zwischenstation für den ersten Arbeitsmarkt“, gelinge es alle zwei Jahre, dass Caritas-Klienten nach der Qualifizierungszeit und mithilfe der Arbeitsassistenz einen Job ergreifen. Sie lernen nicht nur lesen und schreiben und absolvieren Computerkurse in der Vitiser Mittelschule, sondern können auf den Kfz- oder Staplerführerschein erlangen. „Das soll für unsere Klienten nicht die Endstation sein.“ Nur: „Die Bereitschaft ist bei den Firmen nicht sehr groß, aber die meisten, die einen unserer Klienten zum Schnuppern einladen, sind schwer begeistert – nämlich von der Motivation, die sie mitbringen.“

Vier Behindertenbetreuer (Staplerführerschein ist für sie Pflicht) stehen ihnen zur Seite, arbeiten in der Lagerverwaltung und im Büro. „Wir haben den großen Vorteil, dass unsere Leute großteils selbstständig sind. Wir müssen nur schauen, dass laufend Arbeit vorhanden ist, sonst können sie sehr verhaltensoriginell sein.“ Das Lager hat daher Material für vier Monate liegen, falls Nachlieferungen doch nachlassen.

2018 gingen viele Sachverständige aus und ein

Der Betrieb läuft gut, so gut, dass Mitwerber auf „Recycling Vitis“ aufmerksam geworden sind – und angeklopft haben, ob er diese Art der Beschäftigungstherapie überhaupt legal sei. 2018 erlebte man daher mehrere Überprüfungen seitens des Landes, der Bezirkshauptmannschaft und dem Umweltministerium. „Die Quintessenz der Sachverständige war: Wenn wir das vorher gewusst hätten, dann wären wir gar nicht gekommen.“ Die „Recycling“ ist seit 2018 auch als Entsorgungsbetrieb zertifiziert. „Die Volksanwaltschaft, die als streng gilt, hat uns als vorbildlichen Betrieb bezeichnet“, führt Hammerl aus. Die Nachhaltigkeit und das Prämien-System seien hervorgehoben worden.

Übrigens: Ein Drittel der Mitarbeiter reist täglich selbstständig mit dem Bus an, langes „Mobilitätstraining“ geht dem zuvor. „Ein Betreuer fährt eine Woche lang oder länger jedes Mal mit ihm mit“, führt der Chef aus. „Das ist für unsere Klienten ein Riesenstück Freiheit.“ Hammerl berichtet gleich von einem Erlebnis, das ihn auf sein Team stolz macht.

Klienten halfen ihrem Kollegen, der epileptischen Anfall erlitt

Einer der Mitarbeiter hatte im Bus einen epileptischen Anfall. Der Chauffeur sei mit der Situation überfordert gewesen, aber die Klienten haben „sofort richtig gehandelt“. Zwei stützten ihren Kollegen, einer rief den Chef an, der andere die Rettung und alle anderen behielten die Ruhe. „Das war für mich der Beweis: Es lohnt sich, in die Bildung zu investieren“, erhalten die Mitarbeiter regelmäßig maßgeschneiderte Erste Hilfe-Kurse in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz Waidhofen.

Führungen, "Oktoberfest" und Tag der offenen Tür

Wer Interesse hat, einen Blick in den Betrieb zu werfen – einfach vorbeikommen. Das Team führt dann durch die Räume. Die Frage, die oft gestellt werde, weil sich ein Hemmnisgefühl einstellt: Wie begegnet man Menschen mit Behinderung? „Nicht anders als uns“, liefert Hammerl gleich die Antwort. „Sie sind Menschen wie wir, nur am Stand eines Kleinkindes im Alter von zwei bis zehn Jahren.“

Zwei Veranstaltungen sind zudem geplant: Die Abschlussveranstaltung  der Vollmondwanderung, organisiert von der Gesunden Gemeinde Vitis, findet in ihrem Haus statt – mit Weißwurst, Leberkäse und Co. Musikschüler werden außerdem auftreten (11. Oktober, 18 Uhr). Beim „Tag der offenen Tür“ kann man dem Team beim Arbeiten zuschauen – und mithelfen (8. November, 8 bis 17 Uhr).