Silvesterknallerei versetzte Kälber in Panik. Silvesterfeuerwerk ließ Kälber aus Boxen ausbüchsen und den Stall verwüsten. Stress höher als bei Schlachthoftransport.

Von Michael Schwab. Erstellt am 09. Januar 2020 (04:49)
Kurt und Peter Liepold im Stall bei ihren Kälbern.
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Welche Panik die Silvesterfeuerwerke nicht nur bei Haustieren, sondern auch bei Nutztieren erzeugen kann, erfuhren die Landwirte Kurt und Peter Liepold in der Silvesternacht am eigenen Leib: Am ersten Morgen des neuen Jahres glich ihr Kälberstall einem Schlachtfeld.

20 Kälber waren in Panik aus ihren Boxen ausgebüxt und hatten den Stall verwüstet. Das Einstreumaterial und das Futter waren über den Boden verteilt, bei einem Fütterungsautomaten war die Antriebswelle gebrochen, bei einem weiteren Fütterungsautomaten hatte sich die Steuerung „aufgehängt“, und auch eine Scheibtruhe und ein altes Fahrrad hatten die Kälber umgeworfen. „Mein Sohn sagte nur, komm schnell, wir haben eine Baustelle“, erzählt Peter Liepold.

Dieser Bolzen wurde abgerissen.
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Beim Rundgang durch den Stall einige Tage nach dem Vorfall sind noch immer Spuren der rohen Gewalt sichtbar, mit der die Kälber, aufgeschreckt durch Knallkörper, zu Werke gingen. Liepold zeigt auf massive, verbogene Eisenstangen, und hält einen abgerissenen, fingerdicken Bolzen in der Hand. „So was macht nicht ein Tier allein, da war die ganze Herde dahinter.

Es reicht, wenn ein Kalb aufgeschreckt wird. Die anderen Kälber ziehen dann mit, weil es ein Instinkt von Herdentieren ist“, weiß der erfahrene Landwirt. Gegen die Gewalt von 20 Kälbern mit 200 Kilogramm Gewicht konnte die Box nicht standhalten.

Glücklicherweise gelang es den Tieren nicht, bis ins Freie vorzudringen. Ein Schubtor hatten sie bereits teilweise aufgezwängt, doch da die Liepolds wegen der Einbruchsserie in landwirtschaftliche Hallen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hatten, ließ sich das Tor nicht weit genug öffnen.

„Mehr Stress als beim Schlachthof-Transport“

„Mir geht es nicht um den Schaden“, stellt Kurt Liepold klar. „Worum es mir geht, ist, dass wir uns das ganze Jahr über bemühen, unsere Kälber so tierfreundlich wie möglich zu halten. Wir müssen strenge Auflagen einhalten, und wir achten darauf, den Tieren den Transport zum Schlachthof so kurz und stressfrei wie möglich zu halten. Und dann gibt es diese eine Nacht, wo scheinbar alle Regeln über den Haufen geworfen werden und die Tiere stundenlang unter Dauerstress leiden müssen – mehr als bei jedem Schlachthoftransport.“

Um seinen Tieren die Nacht erträglicher zu machen, hatte Liepold Radios aufgestellt und alle Lichter eingeschaltet. Durch den Grundlärmpegel sollten die Tiere durch die Kracher nicht so sehr erschrecken. Liepold verbrachte mehrere Stunden im Stall, um die Kälber zu beruhigen. Silvester feiern gibt es für ihn nicht.

„Gegen halb eins, als die Feuerwerke nachließen und sich die Tiere beruhigt haben, ging ich schlafen. Anscheinend müssen etwas später noch einmal in größerem Ausmaß Knallkörper gezündet worden sein, welche die Kälber erschreckten“, sagt Liepold. Was dann zu der Panik im Stall führte.