Frau Nikolo spricht über fast Verlorenes. Gabriele Pusch schlüpft inzwischen nicht für jeden in diese Rolle.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 04. Dezember 2019 (04:31)
Gabriele Pusch hat jedes selbstverfasste Gedicht für jedeaufgesuchte Familie aufbewahrt.
Michael Schwab

„Wissen Sie, i tua mi nua schwer, die Stimme zu verstellen“, lächelt Gabriele Pusch. Das tut sie nämlich, wenn sie als Nikolaus mit weißem Rauschebart und Bischofsmütze am 6. Dezember, einen Tag davor oder danach, die Kinder besucht. Männer schlüpfen meistens in diese Rolle, in Waidhofen ist eine Frau unterwegs, wenn auch nicht mehr so viel wie früher. Und das hat seinen Grund.

„Die Zeiten haben sich geändert“, seufzt die 70-Jährige. Die Tradition werde heute nicht mehr für so wichtig gehalten wie früher. Pusch hat zuletzt zu oft erlebt, dass während ihres Besuchs Fernseher oder Radio „auf Hochtouren“ liefen. „Da fällt keinem ein, dass sie diese abdrehen. Das bringt nichts.“

 „Das ist feierlich. Das ist für mich Weihnachten. Und das soll nicht alles verloren gehen.“ Gabriele Pusch beobachtet, dass die Nikolaus-Tradition zwar nicht überall, aber doch immer noch geschätzt wird.

 Denn der (oder die) Nikolaus selbst gibt sich wirklich Mühe. Sie vereinbart mit der Familie einen Termin und schreibt auf einen Spickzettel wichtige Informationen über das Kind nieder: Name, Alter, ob es schon die Windel losgeworden ist oder anderes. Das alles fügt sie zu einem Reim zusammen, den sie vor den Kindern mit tiefer Stimme vorträgt. „So funktioniert das.“

Jedes Gedicht hat sie in fast 30-jähriger Tätigkeit fein säuberlich in Büchern aufbewahrt: ein Schatz, der für das damals beschenkte Kind nach dem Erwachsenwerden sicherlich interessant ist. Denn die Eltern setzen den Nikolaus durchaus als Erziehungshelfer ein. Vertrauliches gelangt zu Pusch, positive Details wie nicht gern Gesehenes aus dem Leben des Kindes. Letzteres vermittelt sie mit viel Fingerspitzengefühl und Humor. Da geht es darum, dass der eine nicht „Bitte“ oder „Danke“ sagt oder der andere zu viele Süßigkeiten isst.

Erhobener Finger macht vor Großen keinen Halt

Die Erwachsenen kommen selbst in den Genuss ihres erhobenen Fingers: „Opa Hannes, du bist mein größtes Problem. Du bist zum Lichtabdrehen noch immer zu bequem. Ich kann das nicht verstehen, wie kann man nur ohne Lichtabdrehen aus dem Zimmer gehen?“, brachte Pusch einmal auf Papier.

Oder sie erteilt der jungen Dame einen Rat: „Kommen manchmal Unstimmigkeiten in deinem Leben vor, dann lasse nicht alles heran an dein Ohr“, erklärte sie Anja. „Manche Leute wissen oft gar nicht, was sie daherreden. Du musst nicht immer alles glauben, was sie an Blödsinn von sich geben.“ Die Zitate stammen aus einem Gedicht für eine Familie, das sich auf vier A4-Seiten erstreckt. „

Gestartet habe ich in einer mir bekannten Familie, und als kreativer Mensch, der ich bin, habe mich dann reingesteigert“, erzählt die frühere SPÖ-Bezirksfrauenchefin (und heutige Ehrenvorsitzende).

Das Nikolaus-Ehrenamt hat sie zuletzt für die Volkshilfe ausgeübt, wo sie nach wie vor als Bezirksvorsitzende tätig ist. Drei Tage war sie Anfang Dezember von früh bis spät unterwegs: Das schaffe sie aber nicht mehr. 2018 hat sie die letzte große Tour gemacht, auch weil sie weniger Wertschätzung verspürt.

Das sei soweit gegangen, dass sie nicht einmal ins Haus gebeten worden sei. Für solche Fälle hat sie schließlich einen Reim verfasst: „Darf ich eintreten ins Zimmer, denn im Gang friert mir immer!“, rezitiert sie sofort.

„Der Knackpunkt war bei einer Haustür, als mir jemand zwei Euro in die Hand gedrückt und gesagt hat: Können Sie uns von drüben einen Punsch holen?“ Frau Nikolaus konzentriert sich deswegen auf Familien, die die Tradition tatsächlich weiterpflegen – mit Kerzen, Adventkranz, Sprücherln auch von Kindern und einem Klavierspiel seitens der Familie.

„Sie sitzen zusammen und jausnen zum Teil, wenn ich wieder gehe“, schildert sie. „Das ist feierlich. Das ist für mich Weihnachten. Und das soll nicht alles verloren gehen.“ Denn es gibt sie noch, die leuchtenden Kinderaugen, wenn sie die Türschwelle übertritt, – und das ist im Prinzip der Lohn der Nikolaus-Arbeit.

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