Lebendige Geschichte am Museumsstammtisch

Erstellt am 01. Dezember 2022 | 06:52
Lesezeit: 3 Min
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Reges Interesse herrschte beim Museumsstammtisch: Renate Eggenhofer, Ulrike Binder, Reinhard und Maria Preißl, Ernst Starkl, Rudolf und Ingrid Alfons, Elfie Ullrich, Leopold Gudenus, Franz Fischer, Erwin Pöppl, Brigitte Kranyak, Erich Pichl, Werner Neuwirth und Johann Kössner.
Foto: Edith Hofmann
Franz Fischer berichtete anhand der „Amtsblätter der ersten Stunde“ aus dem Leben der Waidhofner Nachkriegszeit.

Die Amtsblätter des Jahres 1945 (die erste Nummer erschien am 31. Mai) wurden von Franz Fischer vom Museumsverein zum Anlass genommen, am 24. November einen Museumsstammtisch im Gasthaus Jöch zu organisieren.

Fischer arbeitete aus den Unterlagen interessante Details heraus, um aus ihnen ein Bild zu zeichnen, wie es der Bevölkerung in Waidhofen und Umgebung in der Nachkriegszeit unter russischer Besatzung ergangen ist. Die Bezirksstadt war damals massiv von Einquartierungen betroffen, Lebensmittel waren knapp und nur gegen Bezugsschein zu erhalten. Sämtliche Baustoffe waren für die Republik beschlagnahmt worden und nur über einen Kontingentbescheid der Bezirkshauptmannschaft zu bekommen.

„Die im August eingerichtete Rotkreuz-Stelle war hauptsächlich mit dem Ausforschen vermisster Soldaten und Gefangener beschäftigt. Es galt als ungeschriebenes Gesetz, dass von den Heimkehrern nichts von der Front berichtet werden durfte“, stellte Fischer Parallelen zum derzeit herrschenden Ukraine-Krieg her.

Das Schweigen der Bevölkerung und der vom Krieg betroffenen Familienangehörigen wurde auch zu einem Hauptpunkt der anschließenden Diskussion mit den geschichtsinteressierten Besuchern. Ebenso das Fehlen dieser Zeitspanne in manchen Geschichtsbüchern: „In den ersten Nachkriegsjahren saß der Schmerz noch zu tief. Die Leute wollten einfach nur vergessen“, erläuterte Erwin Pöppl, selbst einmal Geschichtsprofessor am Gymnasium Waidhofen, die vermutlichen Beweggrüne seiner Kollegenschaft, in den Jahren nach 1945 Schweigen über die NS-Zeit zu breiten.

Über die Schicksale der Juden, die in Waidhofen vor 1938 ihren Wohnsitz hatten, konnte Renate Eggenhofer konkrete Daten nennen. Sie wurde auch gebeten, einmal einen Stammtisch zu diesem Thema zu gestalten.

Doch auch Erfreuliches konnte Franz Fischer berichten: „Die Musikschule Waidhofen wurde am 21. Juni unter der Leitung von Konrad Stangl wiedereröffnet, und auch ein Arbeitsmarktservice wurde bereits eingerichtet.“

Erfreut über das große Interesse der Bevölkerung stellte Fischer in Aussicht, die Museumsstammtische im nächsten Jahr wieder regelmäßig abhalten zu wollen. „Themen gibt es genug, über die wir berichten können.“