Psychotherapeut merkt „spürbare“ Unsicherheit. Roland Böhm vertritt die Interessen der Psychotherapeuten – und geht auf seine derzeitige Arbeit ein.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 30. Oktober 2020 (05:24)
Roland Böhm: „Viele verunsicherte Menschen haben sich bei mir gemeldet.“
privat

Ein Psychotherapeut soll sein Autoritätsverhältnis missbraucht haben: Diese Meldung brachte die Landespolizeidirektion in der Vorwoche auf Anordnung der Staatsanwaltschaft an die Öffentlichkeit. Mögliche weitere Opfer wurden gebeten, sich ans Landeskriminalamt zu wenden.

Sexuelle Übergriffe werden dem 45-Jährigen (es gilt die Unschuldsvermutung) vorgeworfen. Drei Erwachsene haben Anzeige erstattet. Der Beschuldigte befindet sich in medizinischer Behandlung. Wir hatten berichtet:

Die NÖN bat Roland Böhm, Bezirkskoordinator des Verbandes für Psychotherapeuten, zum Interview: Er spricht darüber, welche Aufgaben er derzeit im besonderen Maße als Bezirkskoordinator erfüllt, er betont die Wichtigkeit der Psychotherapie und erläutert, wie der Verband ein möglicherweise erschütterndes Vertrauen zur Psychotherapie zurückgewinnen will.

NÖN: Wie reagiert man als Bundesverband auf Verdachtsfälle wie diese?

Roland Böhm: Vorab darf ich festhalten, dass es sich um ein laufendes Verfahren handelt und für die betroffene Person die Unschuldsvermutung gilt. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) verfolgt den gegenständlichen Fall natürlich mit großer Aufmerksamkeit, gerade mit Blick auf einen möglichen Vertrauensverlust vieler Menschen in Bezug auf Psychotherapie.

Ist es derzeit spürbar, dass das Vertrauen der Patienten gegenüber den Psychotherapeuten angeschlagen ist?

Böhm: In den letzten Tagen haben sich viele verunsicherte Menschen sowie auch Institutionen bei mir gemeldet und eine große Betroffenheit und spürbare Verunsicherung geäußert. Leider hat die große mediale Resonanz dieses Stimmungsbild noch verstärkt.

Ich stelle mich in meiner Funktion als Bezirkskoordinator für den Bezirk Waidhofen an der Thaya entschieden vor meine Kollegen. Sie verrichten täglich eine qualitativ hochwertige, professionelle und überaus engagierte Arbeit mit leidenden Menschen. Der gegenständliche Verdachtsfall ist höchst bedauerlich, soll und darf aber den Nutzen von Psychotherapie nicht infrage stellen oder schmälern.

Was kann man tun, um dieses Vertrauen zu halten?

Böhm: Seien Sie versichert, der ÖBVP und meine Person unternehmen alles Erdenkliche und Mögliche, um das Vertrauen der Menschen in die Psychotherapie wieder zu stärken. Konkret wird es Artikel in Zeitschriften geben und auch persönliche Kontakte zu Institutionen im Gesundheitsbereich. Meine Kollegen und ich werden zudem vermehrt auf die laufenden Bemühungen und Aktivitäten des ÖBVP hinweisen, welche allesamt Ausdruck einer professionellen und dem leidenden Menschen verpflichtenden Arbeitsweise und Haltung sind.

Hat der Bundesverband eine Hilfsstelle für Patienten?

Böhm: Eine gelungene Psychotherapie ist immer auch ein gelungenes Miteinander, dennoch können im therapeutischen Prozess Probleme und Schwierigkeiten auftreten. Patienten haben immer die Möglichkeit sich an den ÖBVP (telefonisch oder per Mail) zu wenden, es findet sich auf der Website des ÖBVP eine umfangreiche Auflistung mit unterschiedlichen Notfallkontakten. Auch das Bundesministerium für Gesundheit ist eine mögliche Anlaufstelle, konkret die Abteilung für Psychotherapie. Aber auch die Polizei kann gute Hilfestellungen anbieten. Aus gegebenem Anlass möchte ich noch die Möglichkeit der kostenfreien Psychotherapie für Opfer von Gewalt anführen, welchen Opfern einer Straftat zur Verfügung gestellt wird (Weißer Ring).

Wir wissen aber aus Erfahrung, wie schwer es für einen leidenden und hilfesuchenden Menschen sein kann, bei sensiblen Themen aktiv Hilfe zu suchen und sich Personen oder Institutionen anzuvertrauen. Das erklärt ja auch die Tatsache, dass viele Übergriffe erst nach Jahren oder nie einer Aufklärung zugeführt werden. In diesem Sinne ermutige ich alle bislang noch anonymen Opfer, sich bei der Polizei zu melden und Hilfe in Anspruch zu nehmen.