Ein Stück Mittelalter im Herzen von Wiener Neustadt. Historiker untersuchten Geschichte des Platzes – und fanden Reste eines Hauses, das kurz nach Stadtgründung erbaut wurde.

Von Philipp Hacker-Walton. Erstellt am 02. Juli 2020 (05:22)
Historiker Werner Sulzgruber und Christian Hoffmann, Obmann des Denkmalschutzevereins, im Keller des Hauses vor einer der aus dem Mittelalter erhaltenen Mauern.
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Für Historiker Werner Sulzgruber ist der Allerheiligenplatz ein „magischer Ort“: Wo heute das Café Witetschka liegt, befand sich einst eine Synagoge, später eine katholische Kirche, danach eine evangelische. Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts war der heutige Allerheiligenplatz – damals nach der Synagoge als Judenschulgasse benannt – das Zentrum des jüdischen Viertels, „mit rund 300 Personen war die jüdische Gemeinde Wiener Neustadts eine sehr bedeutende“, sagt Sulzgruber.

Er betont, „dass es, anders als oft behauptet, nie ein jüdisches Ghetto in der Stadt gab, es gab ein jüdisches Viertel, das aber offen war und von Juden und Christen gleichermaßen bewohnt wurde.“ Und mit noch einem Mythos will Sulzgruber aufräumen: „Der Durchgang vom östlichen Allerheiligenplatz zum Hauptplatz war im Mittelalter kein Tor – und der heutige Allerheiligenplatz war kein Platz.“ Wahrscheinlicher sei es, dass es hier lange Zeit keinen öffentlichen Durchgang gab, sondern einen Eingang zu einem Privatgrundstück.

Forschungs-Initiative nach Fund 2014

Sulzgruber hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Allerheiligenplatz und seiner Geschichte befasst: Als man bei Umbauarbeiten des Platzes 2014 auf einen Brunnen und eine Mauer stieß, begann die Suche nach einer Mikwe, einem jüdischen Tauchbad, nahe der ehemaligen Synagoge. Damals zeigte sich, dass es auf dem Areal nur noch an vier Orten mittelalterliche Bausubstanz gibt – u.a. auch im Haus Allerheiligenplatz 3/Brodtischgasse 2.

Im Keller des unter Denkmalschutz stehenden Hauses fanden sich Spuren eines Hauses, das kurz nach der Stadtgründung 1192 erbaut wurde. Ein Fund von Bedeutung, wie Sulzgruber erläutert: „2014 war nicht klar, dass es hier noch Bausubstanz aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gibt, nun konnten wir die Entwicklung eines mittelalterlichen Gebäudes im Stadtzentrum nachvollziehen.“ Aus Mauerresten und Bausubstanz im Keller – damals das Erdgeschoß des Hauses, heute knapp zwei Meter unter dem Straßenniveau – lässt sich rekonstruieren, wie das Haus wuchs, als die Stadt wuchs und Wohnraum knapp wurde.

Sondernummer widmet sich den Ergebnissen

Im Keller – der nicht öffentlich zugänglich ist – findet sich auch noch gut erhaltener Bodenbelag aus dem Mittelalter.

Das Haus am Allerheiligenplatz 3.
Hacker-Walton

Die Erkenntnisse, die Sulzgruber mit einer Gruppe engagierter Fachleute wie Kunsthistoriker Otmar Rychlik oder Nö. Landeskonservator Patrick Schicht zusammengetragen hat, sind nun in einer Sondernummer von „Unser Neustadt“ des Wiener Neustädter Denkmalschutzvereins erschienen. „Man meint, man kennt schon alles, aber es gibt immer noch Dinge, die man erforschen kann“, sagt Christian Hoffmann, Obmann des Denkmalschutzvereins. Er streicht die Initiative der Fachleute hervor, die allesamt ehrenamtlich an dem Projekt arbeiteten sowie die Unterstüzung von Sponsoren, darunter die Stadt, das Renner-Museum und das jüdische Museum in Wien, die die Sondernummer zum Allerheiligenplatz ermöglicht haben.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es aber doch: Die vermutete Mikwe, das jüdische Tauchbad, konnte nicht gefunden bzw. nachgewiesen werden.