Eiserner Vorhang: Als die Nachbarn kamen. Persönliche Erlebnisse und Erinnerungen an das Jahr 1989 und die Zeit danach in Wiener Neustadt.

Von Bettina Kreuter. Erstellt am 07. Mai 2019 (04:25)
Kreuter
Belina Macdonald war dreieinhalb Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester aus der DDR nach Österreich kam. Ihren Teddybären von damals und ihren Mutter-Kind-Pass mit Hammer und Sichel besitzt sie heute noch.

Als die Grenzen zu Österreich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 offen waren, strömten viele Ungarn nach Wiener Neustadt, wie Historiker Michael Rosecker zu berichten weiß: „Viele Ungarn wollten hier vor allem Unterhaltungselektronik kaufen. Die Geschäfte haben sich darauf eingestellt.“ Vor den Geschäften und Lokalen wurden Tafeln auf Ungarisch aufgestellt.

An diesen „Run“ erinnert sich auch Erwin Buchta, dem damals das Reisebüro am Dom (heute Kuoni) gehörte: „Wir waren eine offizielle Wechselstube der Sparkasse, da wir längere Öffnungszeiten hatten und auch am Samstag da waren. Am Montag wurden dann die umgetauschten Forint zur Bank gebracht.“

„Bei einem Ausflug ins Burgenland war das Weltende spürund erlebbar.“ Michael Rosecker, Historiker

Historiker Rosecker würde sich wünschen, dass die Euphorie länger angehalten hätte und kultureller Austausch mit den Nachbarstaaten verstärkt stattgefunden hätte: „Das passiert zum Beispiel durch die Sprache. Heute werden unsere Nachbarn mehr als Arbeitnehmer und Dienstleister gesehen.“

Traude Votruba aus Felixdorf war 1989 SPÖ-Landesrätin für Soziales und bereits neun Jahre in der Landesregierung. So wirklich war sie nicht involviert, da alle Hilfsmittel vom Katastrophendienst kamen. Sie erinnert sich aber, dass viele Ungarn zu uns gekommen und geblieben sind. Sie bezogen Wohnungen in einem Haus in Wiener Neustadt: „Am Anfang war die Hilfsbereitschaft groß, die Leute wurden gerne aufgenommen“, so Votruba. Vielleicht auch deshalb, weil es kein anderer Kulturkreis war und viele Verwandte in Ungarn hatten.

Belina Macdonald weiß, wie es ist, Verwandte im Osten und im Westen zu haben. Ihr Vater ging Ende der 1970er-Jahre zum Arbeiten in die DDR, lernte ihre Mutter kennen und gründete mit ihr eine Familie. „Durch die Heirat war meine Mutter auch Österreicherin und wir konnten hierher kommen“, erklärt die 38-Jährige die Situation.

Bananen: Für Kinder etwas Besonderes

Ihre Erinnerungen an ihre ersten Lebensjahre in Teltow, einer Kleinstadt nahe Berlin, nehmen im Zuge des NÖN-Gesprächs zu: „Einmal war mein Vater im Westen und brachte Bananen mit, die haben wir dann mit allen Kindern in unserem Wohnblock geteilt.“ Sie erzählt aber auch von dem Gefühl, das einen begleitet, wenn man überwacht wird. „Mein Vater ist abwechselnd mit zwei Autos gefahren. Da haben wir gewusst, dass sehr genau geschaut wird.“

1984 übersiedelte die Familie nach Österreich: „Bis 1989 sind wir viel auf Besuch in die DDR gefahren, weil unsere Oma dort gelebt hat. Es war uns nicht bewusst, dass Besuche in die andere Richtung nicht möglich waren“, schildert Belina Macdonald.

Zur Schuleinschreibung – einem besonderen Anlass – durfte die Oma dann in den Westen ausreisen. Die restlichen Verwandten, Onkel und Tanten, besuchten Österreich erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: 1990 organisierte die Mutter eine Sightseeing-Tour unter anderem zum Großglockner, auf den Schneeberg und nach Wien.

Bei den Besuchen vor 1989 brachte die Familie nicht nur viel in den Osten, sondern nahm auch etwas mit – zum Beispiel Lakritze.

Heute sieht sich Belina Macdonald als Österreicherin: „Dadurch können wir Gefühle wie Nostalgie besser erkennen. Den Leuten in der DDR ist es nicht schlecht gegangen, mit Westgeld konnte man unter dem Ladentisch fast alles kaufen. Aber: Sie waren hinter einer riesigen Mauer eingesperrt.“

Historiker Michael Rosecker erlebte es von der anderen Seite: „Bei einem Ausflug ins Burgenland war das Weltende spür- und erlebbar. Europa war geteilt, das war ein Faktum.“

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