Wiener Neustadt

Erstellt am 22. Januar 2019, 04:16

von Bettina Kreuter

Häusliche Gewalt: Handeln statt wegschauen. Fünf Frauenmorde in 14 Tagen erschüttern das Land. Sind sie nur der Gipfel einer Gesellschaft, die verroht?

Symbolbild  |  271 EAK MOTO, Shutterstock.com

Die Opfer waren Frauen, die Täter Männer – und sie standen in einer Beziehung oder gehörten zur Familie ihrer Mordopfer. Das ist das Einzige, das die fünf Morde – vier davon in Niederösterreich – gemeinsam haben.

Doch was ist der Grund für die aktuelle Häufung von Morden an Frauen?

Wenn eine Beziehung zu Ende geht, dann ist das eine sensible Phase. Darauf weisen Uta Weber-Grüner vom Verein Lichtblick und Elisabeth Cinatl vom Verein Wendepunkt im Gespräch mit der NÖN hin. „Gewalt hat eine eigene Dynamik. Es herrschen Angst und Unsicherheit, es ist keine Beziehung auf Augenhöhe. Und man darf nicht vergessen, die Frauen waren einmal verliebt“, weiß Cinatl. Wendepunkt betreibt das Frauenhaus und die Frauenberatungsstelle. Das Frauenhaus in Wiener Neustadt ist mit elf Betten das kleinste in Niederösterreich. Oft sind es bei der Frauenberatung anfangs ganz andere Themen, die besprochen werden. „Erst wenn Vertrauen gefasst ist, dann kommt die Gewalt zur Sprache“, so Elisabeth Cinatl. Und der Weg ins Frauenhaus sei noch einmal ein großer Schritt. Bis zu einem Jahr können Frauen und ihre Kinder hier bleiben, im begründeten Einzelfall auch länger.

"Patriarchale Normvorstellungen müssen aufgebrochen werden"

In Österreich wird darauf geschaut, dass nicht die Opfer, sondern die Täter gehen müssen: Im Bezirk Wiener Neustadt wurden 2018 55 Betretungsverbote, in der Stadt 39 ausgesprochen.

Michaela Egger, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums, widerspricht dem oft geäußerten Gefühl, Gewalt habe erst mit dem Zuzug von Flüchtlingen begonnen. Vielmehr sind es alte Gesellschaftsbilder, die noch nachwirken: „Patriarchale Normvorstellungen, die in Österreich nach wie vor existieren, müssen aufgebrochen werden.“ Es seien nicht härtere Strafen, die helfen könnten, sondern die Arbeit mit den Opfern und mit den Tätern. Egger wünscht sich eine Männerberatungsstelle im Industrieviertel, sowie Weisungen der Justiz zu Bewährungshilfe und Anti-Gewalt-Trainings.

Uta Weber-Grüner arbeitet nicht nur mit betroffenen Frauen, sondern auch mit männlichen Tätern: „Es gibt spezielle Trainingsprogramme. Männer haben wenig gelernt, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das beginnt bereits bei der Erziehung.“ Auch sie glaubt nicht, dass härtere Strafen eine Lösung seien. Weber-Grüner verweist auf Studien, die besagen, dass die Länge der Haft nach drei bis fünf Jahren irrelevant sei.

"Beweise sammeln ist wichtig!"

Birgit Borns, Vizepräsidentin des Landesgerichtes Wiener Neustadt, glaubt ebenfalls, dass der bestehende Strafrahmen ausreiche. Sie bestätigt, dass die Gewaltbereitschaft in den vergangenen zehn Jahren größer geworden sei: „Die Delikte steigen, es gibt viele Raubüberfälle, Körperverletzungen und auch immer wieder Stalking-Fälle.“

Wichtig ist, bei Mobbing oder Stalking Beweise zu sammeln: „Schreiben Sie konkrete Vorfälle auf und suchen Sie nach Zeugen“, rät Uta Weber-Grüner.

Gewalt hat viele Gesichter und sie muss nicht immer körperliche Spuren hinterlassen. Elisabeth Cinatl zählt soziale (Eifersucht, Isolation) und ökonomische (finanzielle Abhängigkeit, Zurückhalten des Unterhalts) Gewalt auf. Wenn Kinder Zeugen von Gewalt werden, sind sie ebenfalls Opfer. „Es kommt immer darauf an, wie man Opfer definiert: Ist es auch das Wahrnehmen von Gewalt?“, stellt Bezirkspolizeikommandant Gerhard Reitzl in den Raum. Für die Polizei ist klar: „Wenn Kinder dabei sind, verständigen wir automatisch die Bezirkshauptmannschaft.“

Wer Opfer oder Zeuge von Gewalt wird, muss sich nicht sofort an die Polizei wenden. Es gibt viele Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen und vorerst einmal beraten zu lassen – auch anonym. Nur eines ist für alle Experten klar: „Als Zeuge sollte man nicht wegschauen, sondern handeln.“

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