Mario Wührer im Interview: „Bauern sind ersten Opfer“. Der neue Obmann der Bezirksbauernkammer Waidhofen Mario Wührer über die Herausforderungen für die Landwirtschaft.

Von Andreas Kössl. Erstellt am 18. Oktober 2019 (03:25)
Kössl

NÖN: Sie haben die Obmannschaft der Bezirksbauernkammer Waidhofen von Klaus Hirner übernommen. Warum kam es zu diesem Wechsel?

Mario Wührer: Klaus Hirner hat schon vor einem Jahr anklingen lassen, dass er aufhören möchte, weil er in Pension geht. Jetzt kam auch noch eine gesundheitliche Komponente dazu und so hat er mit September seine Funktionen niedergelegt. Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass ich das Amt übernehmen werde, da ich meine Funktion in der Landeslandwirtschaftskammer doch sehr gerne ausführe und eine Person nicht zwei Funktionen innehaben soll. Letztlich habe ich dann aber zugesagt. Der Bauernbund hat mich einstimmig nominiert und in der letzten Sitzung wurde ich zum Bezirksbauernkammer-Obmann gewählt. Meine Funktion als Landeskammerrat werde ich mit März zurücklegen.

Im März wird die Bezirksbauernkammer neu gewählt. Steht Ihr Team schon?

Wührer: Wir sind auf einem guten Weg. Noch im Oktober möchte ich alle Ortsgruppen besuchen und gemeinsam die Listen für die Kammerwahl im Bezirk erstellen. Anfang November soll das Team dann stehen.

Welche Erwartungen haben Sie an diese Wahl?

Wührer: Ich erwarte mir ein Plus. Schließlich sind die Bauernbund-Funktionäre tagtäglich bei den Leuten vor Ort. Wir kennen die Probleme in der Land- und Forstwirtschaft und wissen, dass es auch in unserem Bezirk viele Herausforderungen gibt.

Im März wird auch die Landeslandwirtschaftskammer neu gewählt. Wird das Ybbstal wieder einen Kandidaten aufstellen?

Wührer: Grundsätzlich sollte jeder Bezirk mit einem Landeskammerrat besetzt werden. Deshalb sind wir gerade auf der Suche nach einer geeigneten Persönlichkeit.

Auch Bezirksbäuerin Leopoldine Hirtenlehner wird ihr Amt abgeben. Wer wird ihr nachfolgen?

Wührer: Es freut mich sehr, dass Gerlinde Hirtenlehner diese Funktion im November übernehmen wird.

Eine große Herausforderung für die Landwirtschaft ist die Klimaerwärmung. Wie möchte man dem begegnen?

Wührer: Die Bauern sind die ersten Opfer des Klimawandels. Der Ernteausfall in den letzten zwei Jahren ist auch im Bezirk dramatisch geworden. Da gab es beim zweiten Schnitt Einbußen von 70 bis 80 Prozent. Vor allem Sonntagberg, Kematen und Allhartsberg, aber auch Waidhofen und Ybbsitz hat es massiv erwischt. Dazu kam dann noch die Situation mit den Engerlingen. Der Mai- und der Junikäfer haben im Oberen Ybbstal massive Ernteausfälle verursacht. Man ist da aber momentan auf einem guten Weg, um das mechanisch oder durch den Einsatz von Pilzgerste zu lösen. Auch eine dritte Variante, bei der in den Boden injiziert wird, um die Larven zu vernichten, gibt es. Ein weiteres großes Problem ist der Borkenkäfer in den Wäldern. Es droht die Gefahr, dass es bei uns einmal keine Fichte mehr geben wird. Darauf muss man natürlich reagieren.

Innerhalb der EU sind die Verhandlungen um die Zukunft der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) am Laufen. Was versprechen Sie sich davon?

Wührer: Da wissen wir derzeit nicht, wie es weitergeht. Es wird wohl weniger Finanzmittel für die Landwirtschaft geben. Die türkis-blaue Bundesregierung hat aber in Aussicht gestellt, dass das national ausgeglichen wird. Auf das hoffen wir weiterhin, denn ohne Ausgleichszahlungen wird es in unserem Gebiet schwierig. Auf den Flächen auf 700, 800 Metern Seehöhe kann man nichts anbauen, da kann man nur Rinder, Schafe oder Ziegen halten. Dazu kommt die Landschaftspflege als ein weiterer Aspekt. Der Ybbstalradweg funktioniert gut, aber wenn die Bauern die Gegend nicht mehr pflegen, ist das für die Radtouristen nicht attraktiv. Nebenbei produzieren die Bauern gesunde Nahrungsmittel. Von den knapp 900 Bauern im Bezirk Waidhofen, die eine Förderung beantragen, sind rund 90 Prozent bio oder im österreichischen Umweltprogramm, was eine etwas abgeschwächte Form von bio bedeutet.

Wie ist das Verhältnis von Bio- und konventioneller Landwirtschaft im Bezirk? Ist der Horizont bei bio schon erreicht?

Wührer: Die Tendenz zu bio ist zwar steigend, aber nicht in dem Ausmaß, wie das viele glauben. Die Auflagen sind höher und wenn ein Landwirt heute einen Stall baut, dann baut er den nicht in zehn Jahren wieder um. Bio ist gut, aber man darf die konventionelle Landwirtschaft nicht schlechtreden. Wir haben in Österreich eine sehr naturnahe und ökologische Landwirtschaft. Wie ein Bauer seinen Betrieb führt, muss er selber wissen. Die Bauernkammer kann nur die Rahmenbedingungen vorgeben, helfen und fördern.

Wie sieht es derzeit mit den Preisen für landwirtschaftliche Produkte aus?

Wührer: Bei Bioprodukten ist der Preis natürlich um einiges höher. Das reicht von der Milch bis zum Schlachtvieh. Die Förderungen sind höher, aber natürlich auch die Auflagen. Ich muss teureres Getreide zukaufen, wenn ich welches brauche, und da ist es oft nicht einfach, einen Biobauern zu finden, der verkauft. Beim Milchpreis liegen wir derzeit zwar zwischen 32 und 34 Cent pro Kilo Milch. Das ist zumindest wieder besser, schließlich waren wir schon bei 25 Cent. Da ist das Minus vorprogrammiert. Der Schweinepreis hat sich durch die Schweinepest in China derzeit wieder etwas erholt. So etwas spüren wir sofort.

Was kann der Konsument tun, um eine funktionierende Landwirtschaft zu gewährleisten?

Wührer: Der Konsument sollte darauf schauen, dass die Produkte, die er kauft, aus Österreich sind. Wenn ich regional zugreife, dann habe ich kurze Transportwege und ich unterstütze die eigenen Leute. Dafür braucht es aber auch eine ordentliche Kennzeichnung der Lebensmittel. Mir ist klar, dass es nicht einem jeden so gut geht, dass er zu bio greifen kann. Aber wenn bei manchen Billigprodukten draufsteht, dass die Milch aus Rumänien oder das Fleisch aus Ungarn kommt, dann überlegt man es sich vielleicht noch einmal, ob man das kauft. Auch in Großküchen gehört die Herkunft der Produkte gekennzeichnet. Wer in solchen Kantinen isst, weiß oft nicht, was in den Gerichten drinnen ist. Das viel mehr in die Köpfe der Menschen reinzubringen, ist auch ein Auftrag an die nächste Bundesregierung.

Welche Regierungskoalition würde Ihrer Meinung nach die Bauernschaft am besten vertreten?

Wührer: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Die ÖVP-FPÖ-Regierung ist im ländlichen Raum gut angekommen, das hat auch damit zu tun, dass die Regierungskoalition davor nur gestritten hat. Da ist über zehn Jahre nichts weitergegangen, das haben wir gespürt. Ich glaube aber, dass, wenn man eine Koalition mit den Grünen so hinbekommt, dass beim Klimaschutz etwas weitergeht, die Regionalität und die Landwirtschaft in den Fokus rücken und nicht gestritten wird, das auch gut ankommt. Ich hoffe, dass man da zusammenfindet. Ein jeder wird dabei zurückstecken müssen, es kann aber nicht sein, dass eine 14-Prozent-Partei sagt, sie schaffe zu 38 Prozent an. Man muss da schon auch die Größenordnung berücksichtigen.

Wo gäbe es in der Landwirtschaft noch Chancen oder Nischen, die besetzt werden könnten?

Wührer: Mit dem Ybbstalradweg hat sich touristisch eine Chance aufgetan. Aber auch in der Direktvermarktung tut sich einiges. In Hohenlehen wiederum gibt es nun eine Fischzucht. Auch das wäre ein Thema. Die Landwirtschaftskammer bietet da immer wieder hilfreiche Seminare an. Unsere Bezirksbauernkammer sehe ich da als erste Dreh- und Beratungsstelle.