Krifter: „Man muss die Balance halten“

Erstellt am 31. Mai 2018 | 06:02
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Krifter
Birgit Krifter (44) ist die neue Bürgermeisterin von St. Georgen/Reith. Dass sie von SPÖ und ÖVP einstimmig ins Amt gewählt wurde, freut sie sehr. In Zukunft möchte sie die Zusammenarbeit forcieren.
Foto: Kössl
St. Georgen/Reiths neue Bürgermeisterin Birgit Krifter (SPÖ) über ihren politischen Kurs und Herausforderungen.

NÖN: Frau Bürgermeister, Sie sind nun eine Woche im Amt. Wie ist es Ihnen ergangen? Ist es so, wie Sie es sich erwartet haben?
Bürgermeisterin Birgit Krifter: Nachdem ich schon länger im Gemeinderat tätig bin, sind mir die Tätigkeiten, die es in der Gemeinde so zu tun gibt, bekannt gewesen. In die Details arbeite ich mich gerade ein. Ich habe auch schon viele Termine wahrgenommen und konnte mich beim Regionstreffen in Opponitz auch schon mit meinen Kollegen aus dem Ybbstal austauschen.

Wie war das Feedback aus der Bevölkerung auf Ihre Wahl zur Bürgermeisterin?
Krifter: Sehr gut, ich habe viele Gratulationen bekommen. Auch von meinen Kunden habe ich viel positives Feedback bekommen. Ich bin ja bei der Volkshilfe in der Betreuung tätig. Da gibt es Kunden, die jetzt nicht mehr Schwester Birgit zu mir sagen, sondern Frau Bürgermeister. Was mich ganz besonders freut, ist, dass meine Wahl zur Bürgermeisterin einstimmig erfolgt ist.

Sie sind nicht davon ausgegangen?
Krifter: Ich war mir unsicher, ich habe das nicht einschätzen können. Deshalb hat es mir umso mehr bedeutet.

Waren Sie sich unsicher, weil die politischen Fronten in St. Georgen/Reith in der Vergangenheit oft sehr verhärtet waren? Es ist zwar eine kleine Gemeinde, aber es wurde doch auch immer viel gestritten.
Krifter: Ja, sehr intensiv sogar. Ich glaube aber, dass wir miteinander jetzt einen anderen Weg gehen können. Vielleicht war das der Start für etwas Neues. Wir sind eine so kleine Gemeinde, da ist es umso wichtiger, dass man gemeinsam arbeitet.

Sie wollen also einen neuen politischen Kurs einschlagen?
Krifter: Ja. Ich arbeite in einem sozialen Beruf. Dort arbeiten wir sehr teamorientiert. Ich denke, es funktioniert nur, wenn man zusammenarbeitet, sich zusammensetzt, über die Dinge redet und gemeinsam Entscheidungen trifft. Das wird nicht immer funktionieren, das ist mir auch klar, aber dennoch muss man miteinander reden und schauen, welche Sachen man zusammen angehen kann. Die finanzielle Situation der Gemeinde ist auch nicht einfach. Deshalb muss man schauen, dass man die Dinge gemeinsam bespricht und dann entscheidet.

Was glauben Sie, war in der Vergangenheit der Grund, dass SPÖ und ÖVP immer wieder aneinandergeraten sind? Helmut Schagerl war zweifellos ein sehr starker Bürgermeister, der sich wenig dreinreden ließ. Hatten diese Konflikte personelle Ursachen oder war es Parteipolitik?
Krifter: Sicher auch. Aber Helmut Schagerl kommt aus dem technischen Bereich und hat da sehr viel Wissen mit- und in das Bürgermeisteramt eingebracht. Da war es dann vielleicht oft schwer, einen Konsens zu finden. Die Zugänge waren da oft anders und deswegen sind dann eben die Funken geflogen. Männer sind da oft nicht so kompromissbereit, vielleicht liegt es auch daran.

Mittlerweile sind im Bezirk und auch im Ybbstal einige Frauen an der Ortsspitze. Ist die Zeit nun reif, um die Männerdomäne hier zu brechen und einen anderen Zugang in die Politik zu bringen?
Krifter: Ich glaube schon, dass es sehr wertvoll und wichtig ist, weil Frauen diplomatischer sein können. Männer sind vielleicht mehr auf der Fachebene zuhause, während bei Frauen doch auch die Gefühle mit reinspielen. Wobei man natürlich die Balance halten muss, weil zu sehr ins Emotionale darf man auch nicht gehen. Allen recht machen kann man es nie.

Der Rücktritt von Helmut Schagerl hat sich durch die Ereignisse im Vorfeld der Landtagswahl abgezeichnet. Dann ging es aber doch recht schnell. Waren Sie die erste Wahl für die Nachfolge?
Krifter: Wir haben das parteiintern in einer längeren Sitzung durchbesprochen, weil es ja auch andere übernehmen hätten können. Da waren teilweise aber auch berufliche Gründe ein Hindernis. Meine Firma war da sehr entgegenkommend und ich konnte Stunden reduzieren, damit sich das Bürgermeisteramt daneben ausgeht. Mit der Unterstützung der Fraktion hat sich das dann ergeben.

Wie schaut Ihr politischer Werdegang aus?
Krifter: Ich bin 2006 durch meine Funktion als Bezirksleiterin der Volkshilfe im Bezirk Scheibbs zur Partei gekommen. Dann hat mich der damalige Bürgermeister Andreas Rautter gefragt, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren möchte, und ich habe mir gedacht, dass mich das schon interessieren würde. Ich wollte wissen, wie es ist, wenn man mitarbeitet. So kam ich 2010 in den Gemeinderat. 2013 wurde ich dann geschäftsführende Gemeinderätin und übernahm die Ressorts Gesundheit und Soziales.

Ein zentrales Projekt in der Amtszeit von Helmut Schagerl war der Bau des Ybbstalradwegs. Ihr Vorgänger hat sich immer klar zum Radweg bekannt und dadurch auch parteiintern einige Kritik einstecken müssen. Wie beurteilen Sie den Radweg?
Krifter: Der Radweg ist ein Gewinn für die gesamte Region und er wird auch sehr gut angenommen. Wenn man mit der Bevölkerung redet, dann haben die Leute eine große Freude mit dem Radweg. Die Probleme der Vergangenheit sind mittlerweile schon sehr verblasst.

Wo sehen Sie die touristische Chance des Radwegs für St. Georgen/Reith. Gibt es da noch Potenzial?
Krifter: Vor allem im Gastronomiebereich und im Tourismus gibt es noch viel Potenzial. Es gibt zu wenig Nächtigungsmöglichkeiten am Radweg.

Inwiefern muss hier die Gemeinde aktiv werden?
Krifter: Ich denke schon, dass die Gemeinde schauen sollte, welche Möglichkeiten es gibt. Vielleicht kann sich in St. Georgen/Reith ja dahingehend ein Nachfolgeprojekt mit dem ehemaligen Blindenheim ergeben.

Derzeit wird das Blindenheim als Flüchtlingsunterkunft genutzt – eine Entscheidung, welche die Gemeinde stark polarisiert hat. War das eine gute Entscheidung?
Krifter: Ja, und es läuft auch nach wie vor sehr gut. Mittlerweile haben wir zwar weniger Asylwerber, aber unser Koordinator Andreas Rautter leistet da nach wie vor wirklich tolle Arbeit und auch aus der Bevölkerung ist viel Unterstützung da.

Viele Flüchtlingsunterkünfte schließen derzeit. Gibt es für das Blindenheim dahingehende Überlegungen?
Krifter: Da haben wir als Gemeinde derzeit keine Infos.

Was sind nun die großen Herausforderungen für die Gemeinde?
Krifter: Da ist sicher einmal unser Budget, das wir nun gemeinsam durcharbeiten müssen, um dann zu schauen, welche Projekte wir uns zutrauen können. Auf jeden Fall stehen Erneuerungen bei der Wasserversorgung an. Wichtig wäre mir, dass wir unser tolles Vereinsleben weiterhin unterstützen können und den Ort weiter beleben. Dabei schwebt mir vor, unseren Dorfverschönerungsverein wieder zu reaktivieren. Eine Herausforderung wird auch sein, der Abwanderung entgegenzuwirken und die Jugend im Ort zu halten.

Wie könnte das gelingen?
Krifter: Irgendwann kommen die Kinder in das Alter, wo sie etwas Eigenes haben möchten. Da haben wir aber nur ein paar Wohnungen. Wir haben zwar super Baugründe, aber als Junger baut man nicht gleich ein Haus. Da möchte ich schauen, ob es nicht Möglichkeiten gibt, entsprechenden Wohnraum bei uns zu schaffen. Ich möchte auch wieder mehr junge Leute in die Gemeindearbeit einbeziehen, weil gerade die oft echt gute Ideen und einen anderen Zugang haben.

In zwei Jahren stehen wieder Gemeinderatswahlen an. Werden Sie die SPÖ in St. Georgen/Reith als Spitzenkandidatin in diese Wahl führen?
Krifter: Mir ist jetzt einmal wichtig, mich in das Bürgermeisteramt einzuarbeiten. Ob ich es dann weiter machen werde, kommt darauf an, wie es mir geht. Dieses Amt ist eine große Verantwortung. Bislang macht es mir großen Spaß, zu hundert Prozent festlegen, ob ich es weiter machen möchte, kann ich mich aber derzeit noch nicht.