Neue Welten der Imagination in Waidhofen/Ybbs. Ein großer Wurf gelingt Anna Bernreitner mit der Inszenierung von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“.

Von Leo Lugmayr. Erstellt am 28. Juli 2021 (05:17)

Anna Bernreitner hat Waidhofen erneut einen Musikhöhepunkt geschenkt. Davon war jedenfalls das Premierenpublikum am 22. Juli in der Eishalle überzeugt. So überzeugt, dass es die Gäste im Schlussapplaus zu Standing Ovations von den Stühlen riss.

Mit ihrer clever gekürzten Version von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ gelang es Bernreitner nach „Don Giovanni“ im Schlosshof (2017), der „Entführung aus dem Serail“ in der Bene-Fabrik (2018), der „Hochzeit des Figaro“ im BRG (2019) und Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ in der Eishalle (2020) einmal mehr, ein Feuerwerk aus Ideen und musikalischen Einfällen zu einem ganzheitlichen Kunstgenuss zu bündeln.

Von Beginn an schaffte es das Ensemble auf dem pink-gelben Tapet der Eishallenbühne, dem Anspruch gerecht zu werden, den die Muse (Christina Sidak) formuliert, nämlich dass Hoffmann es gelänge, mit seinen Erzählungen Welten zu erschaffen.

Opernkenner wissen: Offenbachs einzige Oper steht und fällt mit der Besetzung des „Hoffmann“. Bereits da gelang Bernreitner ein Geniestreich. Mit der Wahl des Sängers Sven Hjörleifsson, der damit erstmals in der „Oper rund um“ gastiert, trifft sie genau das, was dem Werk als Grundfeste so guttut: Hjörleifsson erfüllt seine Rolle in einem noch selten gesehenen Zusammenklang von Esprit, Leuchtkraft und kindhafter Offenheit zugleich. Hjörleifssons schauspielerische Leistung ist über seine gesangliche Leistung hinaus dabei grandios! Was auch für das gesamte Ensemble gilt: sprachlich sicher, schauspielerisch firm, im Zusammenwirken brillant.

Ensemble-Leistung auf hohem Niveau

Gerade die Ensembleleistung ist es, die dem Abend eine so runde und ausgewogene, zugleich aber spritzig-spannende Dimension verleiht. Die Regie lässt keine Längen zu, ein Feuerwerk an Ideen hält das Publikum im Bann.

Sei es Christina Sidak als Muse, Zoe Nicolaidou als Antonia, Barbara Maria Angermaier als Giulietta, Richard Klein als Spalanzani, Johannes Schwendinger in der Rolle des Crespel oder Till von Orlowsky als Lindorf: sie vermitteln den Eindruck einer lang aufeinander abgestimmten, verschweißten Gruppe, der diese Oper in Fleisch und Blut übergegangen ist. Schauspielerisch herausragend legt Laura Jean Elligsen die exponierte Rolle der Olympia an: brillant umgesetzt!

Das Publikum bleibt mit Fragen und Antworten zurück, die nach Belieben miteinander verschachtelt oder auseinandergedröselt werden können. Ob als subtile Reflexion der eigenen Identität im Spannungsfeld innerer und äußerer Erwartungen, als Neuentwurf des Frauenbildes oder als analytische Kritik.

„Oper rund um“ schafft in „Hoffmanns Erzählungen“ einen neuen Kosmos. So wie es die Muse eingangs postuliert: „Hoffmann schafft Welten.“ Neue Welten der Imagination.