Eingemeindung: „Anfangs waren sie uns noch fremd“. Die NÖN hat sich mit zwei Zeitzeugen aus Zell und Windhag über die Eingemeindung in Waidhofen an der Ybbs sowie die Situation damals und heute unterhalten.

Von Anna Faltner. Erstellt am 21. April 2021 (04:55)

Die Entscheidung vor knapp 50 Jahren für die Eingemeindung der damals eigenständigen Gemeinden Windhag, Zell, Waidhofen-Land und St. Leonhard/Walde in die Stadt Waidhofen traf damals die Politik. Ein Mitspracherecht für die Bürger gab es trotz Unterschriftenlisten und vieler Diskussionen nicht.

Jetzt, 50 Jahre später, hat die NÖN zwei Zeitzeugen zum Gespräch gebeten und sie nach ihrer Ansicht zur Gemeindezusammenlegung befragt.

Günther Deufl (72) ist stolzer Zeller und hätte auf die Eingemeindung verzichten können.
privat, privat

Günther Deufl ist 72 Jahre alt und lebt seit seinem vierten Lebensjahr auf der Zell. Zum Zeitpunkt der Gemeindezusammenlegung war er 23 Jahre alt, mit der Politik hatte er damals wenig am Hut.

„Die Bevölkerung hat da ja eh nicht mitentscheiden dürfen. Aber ich glaube, die Mehrheit war nicht recht begeistert von der Eingemeindung. Meine Eltern und Nachbarn jedenfalls nicht. Wir waren ja eine gut florierende Gemeinde, hatten einen Kindergarten, eine Kläranlage und in Waidhofen ist das Kanalwasser noch in die Ybbs geflossen“, erinnert sich Deufl.

„Ein Windhager oder Konradsheimer sagt auch nicht, dass er aus Waidhofen ist. Ich bin kein Waidhofner, sondern Zeller.“ Günther Deufl (72) aus Zell

Für Zell hat er keinen Vorteil an der Zusammenlegung gesehen. Mit etwa 1.000 Einwohnern war Zell 1971 ja sogar eine der größten Gemeinden im Bezirk. „Wir hätten schon eigenständig bleiben können und Waidhofen nicht unbedingt gebraucht. Aber die wollten uns unbedingt, weil auf der Zell die Sonne scheint“, meint Deufl scherzhaft.

Seiner Meinung nach war es damals eine politische Entscheidung, die zur Eingemeindung geführt hat. Die „Bauerndörfer“ hätten dadurch natürlich einen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren, die Zeller allerdings nicht.

„Wir hatten ja schon alles. Dadurch sind wir ein bisschen zum Stiefkind geworden. Die Straßen und Gassen sind gleich geblieben, die Vereine sind bis auf die Feuerwehr und den Eisschützenverein verschwunden und von den fünf Gasthäusern gibt es jetzt nur noch eines. Das finde ich sehr schade, die waren früher der Treffpunkt für alle.“

Günther Deufl ist ein stolzer Zeller. Wenn ihn jemand fragt, wo er zuhause ist, sagt er nicht Waidhofen, sondern Zell. „Ein Windhager oder Konradsheimer sagt auch nicht Waidhofen. Ich bin kein Waidhofner, ich bin ein Zeller“, sagt er. Allerdings wird das großteils nur noch bei der älteren Generation so gehandhabt. „Die Jungen sagen, dass sie Waidhofner sind. Das finde ich schon schade.“

Der 72-jährige stolze Zeller würde sich auch wünschen, dass das bei der Postanschrift berücksichtigt wird. Immerhin gibt es sowohl in Waidhofen als auch in Zell einen Kirchenplatz. „Da sollte man schon Zell dazuschreiben, damit sich der Postler auskennt.“

Eingemeindung war für viele auch praktisch

Leopold Aigner aus Windhag hat für seine Gemeinde durch die Zusammenlegung schon mehr Vorteile gesehen. Der damals 31-Jährige empfand die Eingemeindung als praktisch.

„Wir waren schon eher dafür, weil wir ja bis dahin zur Bezirkshauptmannschaft nach Amstetten fahren mussten, um zum Beispiel Fahrzeuganmeldungen zu erledigen. Das wurde dann ins Magistrat Waidhofen verlegt“, sagt der 80-Jährige. Zum Einkaufen fuhr er bereits nach Waidhofen, gearbeitet hat er auf der Zell.

Leopold Aigner (80) aus Windhag hat die Zusammenlegung als sehr praktisch empfunden.
NOEN

Kurz nach der Zusammenlegung war es allerdings schon noch so, dass er sich als Windhager und nicht als Waidhofner gefühlt hat. „Wir hatten schon einen Mords-Nationalstolz, eine gute Musi und viele eigene Vereine. Am Anfang war das noch ein bisschen komisch, da waren uns die Waidhofner ein bisschen fremd. Aber jetzt ist das nicht mehr so. Alles funktioniert gut so wie es ist“, erzählt Aigner.

Höchstens zehn Jahre, länger habe es bestimmt nicht gedauert, bis sich der 80-Jährige als Waidhofner gefühlt hat. „Ich finde es auch vernünftiger so. Wir brauchen die Stadt ja sowieso zum Einkaufen und auch das Krankenhaus. Das gehört alles in die Region und zusammen. Und da gehören wir Windhager ja auch dazu.“

Aigner war damals übrigens bereits verheiratet und hatte vier Kinder. Seine weiteren drei Kinder wurden dann bereits als Waidhofner, und nicht mehr als Windhager geboren.

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