Klangraum im Herbst: „Carmen“ mit vier Marimbas. Waidhofen/Ybbs: Mit „The Wave Quartet“ setzte Intendant Bieber in seinem Festival einen wahren Percussions-Höhepunkt.

Von Leo Lugmayr. Erstellt am 22. Oktober 2020 (15:19)
Christoph Sietzen, Nico Gerstmayer, Bogdan Bacanu und Emiko Uchiyama (von links) begeisterten als „The Wave Quartet“.
Lugmayr

Eigentlich waren es zwei Konzerte, die am Sonntagabend im Kristallsaal geboten wurden. Einmal ein Solokonzert des steil aufstrebenden Marimbavirtuosen Christoph Sietzen, und zum anderen ein Konzert des europaweit einzigartigen „Wave Quartet“.

Am Beginn standen Astor Piazzolla und das den Bewohnern der argentinischen Metropolregion Buenos Aires zugeeignete Stück „Verano Porteño“ („Sommer der Porteños“), für Marimba bearbeitet von Pius Cheung.

Hier reizte Sietzen gleich zum Auftakt den Nuancenreichtum des Instruments aus. Piazzollas Musik sollte auch den Ensembleteil nach der Pause bis hinein in die Zugabe noch bestimmen. Die schroffen Akkorde und pulsierend synkopierten Rhythmen, die dem schmerzlich-wehmütigen Bandoneon „auf den Leib geschrieben“ sind, bieten sich der Marimba in beeindruckender Weise an.

Mit dem in zarter Minimal Music für Klavier geschriebenen ersten Satz zu „Glassworks“ des Amerikaners Philip Glass führte Sietzen über zu Bach. Ja, zu Bach, und zwar dessen Lautensuite in e-Moll, BWV 996, mit den Sätzen Sarabande, Bourée und Gigue. Grandios, wie Sietzen hier dem Komponisten und seinem Werk gerecht wird, indem er nicht Bach für Marimba, sondern die Marimba für Bach zur Anwendung bringt, wie er selbst einleitet. Mit dem spanischen Wegbereiter des modernen Gitarrenspiels Francisco Tarrega und dessen „Erinnerungen an die Alhambra“ („Recuerdos de la Alhambra“) sowie mit einer Komposition des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Joseph Schwantner „Velocities“ für Solo-Marimbafon ging es durch anhaltenden, tosenden Applaus hindurch in die Pause.

Gemeinsam mit Nico Gerstmayer, Bogdan Bacanu und Emiko Uchiyama erfüllte sich im zweiten Teil das für den Abend titelgebende Versprechen des „Wave Quartet“, einer Formation aus vier Marimbafonen, die sich in ein berauschendes Zusammenspiel begab. Improvisationen zur Opernmusik von Georges Bizets „Carmen“ hatte man versprochen, und mit der „Carmen-Suite“ erfüllte man alle damit gehegten Wünsche.

Singer-Songwriter Suzanne Vega hatte es dem Quartett mit der Ballade „Gypsy“ angetan, zum Vergnügen des Publikums. Mit dem 3. Satz aus dessen „Aconcagua-Konzert“, beeindruckend für vier Marimbas arrangiert von Uchiyama, kehrte man zu Astor Piazzolla zurück; ein Stück, in dem sich der Komponist vor dem höchsten Andengipfel verneigt. Damit schloss das Quartett das Officium noch einmal mit abgehackten Staccati, eruptiven Zäsuren in messerscharfen Betonungen.

Aber nicht ohne Piazzolla für die Zugabe noch einmal vor den Vorhang zu bitten: Mit „La Muerte del Ángel“ („Der Tod des Engels“) setzten die vier Ausnahmemusiker einen unverrückbaren Schlusspunkt. Vielleicht gefühlt die kürzesten zweieinhalb Stunden des Jahres!