Theater-Kritik: Im Reigen viel Neues

Die Inszenierung von Schnitzlers „Reigen“ beweist, dass das Pas de deux von Erotik und Macht nichts an Spannung verloren hat.

Leo Lugmayr
Leo Lugmayr Erstellt am 16. September 2021 | 04:11

Skandal ist sie keiner, die Aufführung von Arthur Schnitzlers „Reigen“ im Schlosskeller, so wie die Premiere 1920 am Kleinen Schauspielhaus in Berlin einer gewesen ist. Dafür richteten Regie (Uschi Nocchieri und Sabine Halbwirth) und die beiden Darsteller Karin Komatz und Otmar Pils den Fokus bemerkenswerterweise genau da rauf, was auch Schnitzler bei der Verfassung des so kontroversiell rezipierten Bühnenstücks gemeint haben mag: den Blick auf die Psyche der Verführer, der Verführten, der Macht und der Dekadenz; und das in allen Nuancen und im Widerlicht der Zeit.

Das Lehrstück von Verführung, Sehnsucht, Macht, Enttäuschung und dem Verlangen nach Liebe gibt Uschi Nocchieris Theaterprojekt „Il Salottino“ noch bis 15. September im Theaterkeller des Rothschildschlosses. Es ist eine Regie der feinen Schnitte, die in dieser Inszenierung gelingt, die dem Original viel Neues erlaubt.

Die Inszenierung befreit den Reigen vom Garderobengeruch des Fin de Siècle und pointiert die Handlung – mit Einsatz eines Mund-Nasen-Schutzes etwa – süffisant und pfiffig. Als Zitat der bei Uraufführung des Reigens grassierenden Spanischen Grippe trifft dies den Nagel der Zeit auf den Kopf. Die beiden Mimen Karin Komatz und Otmar Pils beleuchten die Rollen von Mann und Frau im Spannungsfeld der Verführung neu, man kann ihnen nur Rosen streuen.

Feine Salonmusik von Karl Schaupp

Die Musik, die Karl Schaupp dazu in 21 Piecen geschrieben hat, rundet das Theater nicht nur ab, sondern fügt es erst zu einem Ganzen. Schaupp holt mit der Salonmusik nicht nur das Flair aus dem 19. ins 21. Jahrhundert, sondern wertet den Kulturgenuss noch auf. Mit Christian Blahous als kongenialem Partner auf der Geige und ihm selbst am Klavier entstehen wohltuende Zäsuren zwischen und zum Teil innerhalb der erotischen Begegnungen. Gefällige Melodien mit interessanten harmonischen Wendungen, da darf beim Auftrittsstück mit der Umkehr des Radetzkymarsches schon einmal gezwinkert werden. Brillante Zutat zu einem brillant inszenierten Stück.