LK-Vizepräsidentin Wagner: „Stolz, Bäuerin zu sein“. Die neue Vizepräsidentin der Landwirtschaftskammer, Andrea Wagner aus Pehendorf, über ihre Arbeit, den Fleischpreis und Herausforderungen für Bauern.

Von Markus Füxl. Erstellt am 06. August 2020 (11:28)
Die 44-jährige Andrea Wagner aus Pehendorf ist seit April Vizepräsidentin der NÖ Landwirtschaftskammer.
F: Werner Gundacker

NÖN: Sie wurden im April als Landwirtschaftskammer-Vizepräsidentin angelobt, mitten in der Coronakrise. Wie waren seitdem die ersten 100 Tage im Amt?

Wagner: Die konstituierende Sitzung und damit auch die Wahl fanden online statt, also außergewöhnlich. So etwas hat es in der fast 100-jährigen Geschichte der Kammer noch nicht gegeben. Mein Kalender war mit Corona auf einen Schlag leergeräumt. Es hat aber nicht lange gedauert, bis er sich wieder gefüllt hat (lacht). Die ersten Sitzungen haben dann mit Abstandsregeln stattgefunden. Es freut mich, dass ich diese Tätigkeit für unsere Bäuerinnen und Bauern ausüben darf.

Sie waren vom März 2018 bis Dezember 2019 Bundesrätin. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Andrea Wagner: Es war eine spannende und lehrreiche Zeit. Im Bundesrat lernt man, wie die parlamentarischen Abläufe funktionieren und wie Gesetze zustande kommen. Es war spannend, meine Sichtweise und die der Region zu landwirtschaftlichen Themen einbringen zu können.

Sie betreiben selbst eine Landwirtschaft: Was ist das Schöne an dem Beruf?

Wagner: Ich bin froh und stolz darauf, Bäuerin zu sein. Das hat sich der Liebe wegen so ergeben. Ein Vorteil ist, dass die Kinder aufwachsen und viel von der Landwirtschaft mitbekommen. Das Leben in Generationen am Hof bringt zwar oft Herausforderungen mit sich, hat aber auch einen großen Wert.

Hat sich an der Arbeit am Hof durch Corona etwas verändert?

Wagner: : Gerade in der Landwirtschaft hat man ja den Arbeitsplatz am Hof, dadurch hatte das – was die Arbeit an sich betrifft – nicht so massive Auswirkungen. Die Arbeit muss ja weiter gemacht werden, die Kühe wollen gemolken werden. Was Absatz und die Märkte betroffen hat, hat man das schon gespürt, etwa beim Fleischabsatz und den Preisen.

Zum Thema Fleisch: Ein Landwirt hat uns vor kurzem ein Foto geschickt, das den Preis für ein Kilo Putenbrust mit 3,80 Euro beziffert. Der Kunde will bio und regional, gekauft wird trotzdem oft einfach das Günstigste. Was kann da helfen?

Wagner: Die rot-weiß-roten Fähnchen führen den Konsumenten nur in die Irre. Es braucht eine klare Herkunftsbezeichnung. Das staatlich geprüfte AMA-Gütesiegel soll gestärkt werden, dort kennt man die Qualitätskriterien hinter dem Fleisch. Über 50 Prozent aller Speisen werden mittlerweile außer Haus gegessen, sei es in Schulbuffets oder im Wirtshaus. Es braucht eine klare Kennzeichnung, woher die Lebensmittel kommen, damit sich der Konsument bewusst entscheiden kann.

Wie sollte man da ansetzen?

Wagner: Gerade beim Kalbfleisch hat der Konsument ein falsches Bild: Das muss für ihn weiß sein, das gibt es so aber eigentlich nicht. Von der Arbeitsgemeinschaft Rind wird das Programm „Kalbfleisch Rosé“ verfolgt, um zu zeigen, dass ein richtiges Kalbfleisch eben rosa ist. Gleichzeitig haben wir höhere Fleischqualitäten, als es im Ausland der Fall ist. Das muss man dem Konsumenten näher bringen und das muss klar erkennbar sein.

Also nicht nur klare Kennzeichnung, sondern auch mehr Aufklärung beim Verbraucher?

Wagner: Ja, es sollte ein gewisses Verständnis für Produktion herrschen und darüber, warum wir in der Landwirtschaft gewisse Dinge tun. Was es im Bezug auf den Klimaschutz braucht, sind Zölle auf weit gereiste Lebensmittel.

Was sind Ihre Ziele als Vizepräsidentin in der Landwirtschaftskammer NÖ?

Wagner: Im Zukunftsplan der Kammer sind zwölf Schwerpunkte definiert. Eine klare Regelung der Herkunft sowie die Verstärkung der Kommunikation mit der Gesellschaft sind die ersten zwei Punkte darin. Ein Beispiel: Bei einer Schulaktion voriges Jahr hat eine Lehrerin gesagt, dass sie sich nur mehr vegan ernährt und damit Tierleid verhindert. Deshalb trinke sie nur mehr Heumilch, die sei ja aus Heu. Da ist Aufklärung ganz wichtig. Wir Bauern müssen darüber reden, was wir tun.

Während des Shutdowns und auch danach gab es in Bereichen der Landwirtschaft das Problem der fehlenden Erntehelfer. Wie war das in unserer Region?

Wagner: Bei uns direkt in der Umgebung kenne ich niemanden, der Erntehelfer aus dem Ausland hat. Generell wurde das in Niederösterreich gut mit der Onlineplattform „Die Lebensmittelhelfer“ und weiteren gezielten Maßnahmen gelöst, die Arbeitskräfte zu bekommen.

Gleichzeitig hatten in den vergangenen Monaten die Direktvermarkter verstärkt Zulauf. Hat Corona auch neue Chancen gebracht?

Wagner: Auf jeden Fall. Die Krise hat die Wichtigkeit der Bäuerin en und Bauern aufgezeigt. Auch dass die Landwirtschaft als systemrelevant eingestuft wird, ist wichtig. Es hat sich gezeigt, dass viele nicht 20 Kilometer weit fahren, sondern vor Ort einkaufen. Das soll eine Chance sein, die Bedeutung einer regionalen Versorgung und eines regionalen Wirtschaftskreislaufes aufzuzeigen. Die Wertschöpfung bleibt in der Region. Außerdem schützt man auch das Klima, wenn Lebensmittel nicht so weit transportiert werden.