Zwettl

Erstellt am 14. März 2018, 09:05

von Brigitte Lassmann-Moser

Zwettl 1938: "Es war ein Jubel ohne Ende". Auch in Zwettl herrschten in jenen Märztagen Jubel und Glückseligkeit.

Ein Volk – ein Reich – ein Führer! Das zierte das Gebäude der heutigen Raiffeisenbank in der Zwettler Landstraße.  |  Stadtarchiv Zwettl

Vor 80 Jahren, am 12. März 1938, kam es zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Auch im Bezirk Zwettl herrschte an diesem Tag bei vielen großer Jubel – andere wieder waren entsetzt…

„Man sang, man weinte, man küßte sich, man jubelte, frei sind wir geworden.“ Niederösterreichische Landzeitung vom 23. März 1938

„Der geschichtlich denkwürdige März wird auch für unser Städtchen unvergesslich bleiben“, berichtete etwa die Niederösterreichische Landzeitung vom 23. März 1938. „Durch die Machtübernahme unter Führung Adolf Hitlers wurden wir von der Knechtschaft befreit. Jubel und Glückseligkeit erfüllten unsere Herzen. Noch abends um 21 Uhr zogen SS und SA und eine Menge treuer Parteigenossen der NSDAP singend durch die Stadt. In allen Gaststätten fanden sich die überglücklichen Menschen. Man sang, man weinte, man küßte sich, man jubelte, frei sind wir geworden.“

Über 3.000 Menschen zogen unter Musikbegleitung durch die Stadt

Am Samstag, dem 12. März, um 7 Uhr früh wurden die Hakenkreuzfahnen am Rathaus und Gemeindegebäuden in Zwettl gehisst, abends gab es einen Fackelzug. Über 3.000 Menschen zogen unter Musikbegleitung durch die ganze Stadt. „Nach Absingen des Deutschland- und Horst-Wesselliedes zerstreute sich die Menschenmenge mit Sieg-Heil-Rufen in die verschiedenen Gasthäuser. Der Jubel war so groß, daß die Heilrufe und Sprechchöre bis Rudmanns, ja sogar Edelhof, gehört wurden“, ist in der Land-Zeitung zu lesen.

Hakenfahnen wehten auch vor dem Zwettler Postgebäude.  |  Stadtarchiv Zwettl

„Wir waren damals Schülerinnen und wohnten beide in der Zwettler Landstraße. Der Jubel an diesem Tag war unbeschreiblich, die Menschen strömten auf die Straßen und haben vor Begeisterung geschrien“, erzählten anlässlich des 70. Jahrestages an den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vor zehn Jahren die mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen Angela Ruß und Adelheid Dürr. 75 Prozent der Bevölkerung waren damals arbeitslos, erhofften sich vom Anschluss Arbeit und Brot. „Danach fanden die meisten sofort Arbeit, unter anderem im Straßenbau. Keiner hat damals auch nur im Geringsten geahnt, dass es zum Krieg kommen würde und dass im Jahr 1945 die Russen in Zwettl einziehen würden.“

Jeden Tag neue Jubelmeldungen

Nach dem Anschluss brachte jeder Tag neue Jubelmeldungen: Am 14. März wurde in der ersten Gemeinderatssitzung in Zwettl unter Bürgermeister Emmerich Schröfl beschlossen, den größten Platz nach Adolf Hitler zu benennen. Die Volksabstimmung vom 10. April brachte in der Stadt Zwettl ein überwältigendes Ergebnis für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. In der Landzeitung war zu lesen: „Gegen 5 Uhr erfuhr man, dass die Wahlbeteiligung hundertprozentig war. Stimmberechtigte waren 2157, Ja-Stimmen 2154, eine Nein-Stimme, zwei leer. Das war ein Jubel ohne Ende.“

Die Bevölkerung des Bezirks Zwettl und des größten Teiles des Waldviertels war nicht zuletzt durch das Wirken Georg Ritter von Schönerers auf Schloss Rosenau und die nahe Grenze zur Tschechoslowakei – auch wenn man verschiedenen Parteien angehörte – darauf bedacht, als Deutsche bezeichnet zu werden, schreiben Hans Hakala und Walter Pongratz im „Heimatbuch“. „Es ist daher nicht zu verwundern, dass 1938 auch hier in kürzester Zeit eine ungeheure Begeisterung für das Großdeutsche Reich zu verzeichnen war.“ Von dem ungeheuren Druck und den Verfolgungen, die kommen sollten, habe man keine Ahnung gehabt…

Politische Gegner sind schon in den ersten Stunden verhaftet worden

Davon berichtet der langjährige Zwettler Stadtarchivar und Historiker Friedel Moll: „Neben diesem Begeisterungstaumel eines großen Teiles der Bevölkerung machte sich aber bereits unmittelbar nach dem Anschluss Unmenschlichkeit, Intoleranz, Menschenverachtung und Brutalität breit.“ Politische Gegner seien schon in den ersten Stunden nach der Machtübernahme verhaftet und interniert worden.

Privat-Archiv  |  Privat-Archiv

„Den jüdischen Mitbürgern, die in den Dörfern und Städten auf dem Land lebten, machten die neuen Herrn, aber auch die angestammte Bevölkerung, das Leben in ihrer gewohnten Umgebung unmöglich. Sie wurden gezwungen, ihr Hab und Gut zu verkaufen und in die Großstadt zu ziehen“, so Friedel Moll in einer Zusammenfassung anlässlich des 70-jährigen Jubiläums des Anschlusses. „Wenigen gelang die Flucht ins Ausland, wie zum Beispiel der Zwettler Kaufmannsfamilie Paul Klein, die noch im Juli 1938 in die USA fliehen und so ihr Leben retten konnte. Die meisten Mitglieder der anderen ehemals in Zwettl und Umgebung ansässigen jüdischen Familien fielen dem Rassenwahn des menschenverachtenden Systems zum Opfer.“

Buch über Schicksal der Waldviertler Juden

Unter der Herausgeberschaft von Friedrich Polleroß entsteht derzeit im „Waldviertler Heimatbund“ ein fast 700 Seiten starkes Buch zum Schicksal der Waldviertler Juden. Dieses wird am 19. Mai um 19.30 Uhr im Gmünder Palmenhaus präsentiert. In Neupölla lädt ab 1. Mai das „Museum für Alltagsgeschichte“ zu einer Ausstellung über die Waldviertler Juden ein.

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