Molkerei Wagner: „Montag ist der Koscher-Tag“

Erstellt am 31. Mai 2019 | 04:34
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Vom Melken bis zum Verpacken überwacht der stellvertretende Rabbiner Samehov Bhor (l.) die Produktion der koscheren Milchprodukte. Mit im Bild: Michaela Königsberger und Gerhard Wagner.
Foto: Markus Füxl
Gerhard Wagner produziert als einzige Molkerei in Österreich Produkte nach jüdischen Speisevorschriften.

In der Molkerei Wagner in der Katastralgemeinde Biberschlag herrscht Hochbetrieb. Mitarbeiter eilen in Gummistiefeln und mit weißen Haarnetzen durch die Halle, es liegt ein süßlicher Geruch in der feuchten Luft.

Es ist Montagfrüh, heute müssen rund 3.500 Liter Milch verarbeitet werden. Das Besondere: Die Milch wird zur Herstellung von Milchprodukten verwendet, die den jüdischen Speisevorschriften entsprechen. „Wir stellen als einzige Molkerei Österreichs koschere Milchprodukte her“, erklärt der Milchbauer Gerhard Wagner, der auch als einer von fünf Betrieben reguläre Milchprodukte für die Waldviertler Bauernmilch produziert.

Zwischen den Mitarbeitern steht stellvertretend für einen Rabbiner Samehov Bhor an der Anlage, wo die Milch fertig verpackt wird. Er klebt kleine Siegel in hebräisch auf jede Milchpackung – ein Qualitätsmerkmal, dass die Milch koscher ist.

Aber was bedeutet das überhaupt? „Das wichtigste in der Koscherproduktion sind die Reinheitsgebote der jüdischen Kultusgemeinde“, erklärt Wagner. 48 Stunden vor der Produktion muss die Anlage still stehen. Dann wird sie koscher „gemacht“, also auf fast 100 Grad erhitzt, um steril zu sein. Erst nach der Koscherproduktion werden die regulären Milchprodukte hergestellt. „Montag ist Koschertag“, erklärt Wagner. Jede Woche kommt der gebürtige Israeli Samehov Bhor um 6 Uhr Früh aus Wien und überwacht den gesamten Prozess, vom Melken bis zum Abfüllen in die Kartons.

Tiefgefrorene Joghurt-Kulturen aus den USA

Vor fünf Jahren entschlossen sich Gerhard Wagner und seine Gattin Elfriede dazu, neben der regulären Produktion koscher zu produzieren. „Mittlerweile ist diese Schiene nicht mehr wegzudenken“, sagt Gerhard Wagner. Zehn Prozent des Umsatzes macht die Koscherproduktion aus. Dazu stockte er in den fünf Jahren von 70 auf 100 Milchkühen auf und baute neue Milchtanks dazu. Seinen Umsatz konnte Wagner in den fünf Jahren verdoppeln.

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Samehov Bhor beklebt jede Milchpackung mit „Koscher-Siegeln“.
Foto: Markus Füxl

Im „koscheren Angebot“ hat Wagner Milch, Topfen, Sauerrahm, Eiskaffee, Kakao, Naturjoghurt und vier Sorten Fruchtjoghurt. Dass auch alle Zutaten koscher sein müssen, stellte den Milchbauern anfangs vor eine Herausforderung: „Wir hatten keine Erfahrung. Es war schwierig, an Adressen für unsere Partner zu kommen.“ Weil etwa in Europa keine koscheren Joghurtkulturen für cremiges Joghurt produziert werden, müssen diese aus Amerika tiefgefroren bei Minus 45 Grad eingeflogen werden. „Wegen der Zeitverschiebung mussten wir etliche Male um 3 Uhr früh hin und hertelefonieren“, erinnert sich Wagner. Die koscheren Früchte für die vier Sorten Fruchtjoghurt kommen aus der Steiermark.

Die koscheren Produkte der Molkerei Wagner werden nach Wien zum Rabbiner Margulies Ascher geliefert. Von dort werden sie weiter vertrieben. Im Sommer beliefert die Molkerei auch Urlaubsziele wie Tirol und Kärnten, wo viele jüdische Familien Urlaub machen. „Das explodiert momentan richtig und wir müssen Sonderschichten machen“, sagt Wagner, der auch schon nach Ungarn lieferte.

Seine koscheren Produkte genießen in der jüdischen Kultusgemeinde einen guten Status: „Viele Gäste, etwa aus den USA, sagen, dass man koschere Milch und Joghurt in dieser Qualität nirgends sonst bekommt“, sagt Gerhard Wagner.