100 Jahre NÖ: Trachten sind schon lange ein Renner

Erstellt am 14. Mai 2022 | 04:53
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Die traditionelle Kleidung ist auch im Waldviertel des 21. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Es gibt sogar typisch Zwettlerische Trachten. „Sissi“ und die „Familie Trapp“ sorgten für erneuten Boom nach dem 2. Weltkrieg.

Die Tracht, die ursprünglich zum Arbeiten getragen worden ist, prägt heute das Bild von Bällen, Festen und Hochzeiten – auch wenn es keine richtig traditionelle „Waldviertler Tracht“ gibt.

„Tracht“ bedeutet eigentlich „das, was getragen wird“, und das bestimmte früher die Herkunft, der Familien- und Berufsstand. Erst im 19. Jahrhundert adaptierte die gehobene Gesellschaft die Arbeitskluft für ihre Bedürfnisse. Als „Role Model“ fungierte damals Kaiser Franz Joseph, der das Gewand der Jäger trug. Viele regionale Trachten entstanden somit erst 1908, als bei einem Festzug für diesen Kaiser Tausende Menschen in eigens dafür erfundenen Trachten erschienen sind. Diese Trachten wurden damals schon genau dokumentiert.

Umfassende Trachtensammlungen

Die ebenfalls im 19. Jahrhundert entstehende Volkskunde befasste sich mit der Dokumentation der Tracht. „Bemerkenswerte Trachtensammlungen gab es im 1911 gegründeten Niederösterreichischen Landesmuseum und im Krahuletzmuseum Eggenburg“, erzählt Eva Zeindl von der Volkskultur. Im Krahuletzmuseum sind aktuell um die 400 Trachtenkleidungsstücke, die bis zu 200 Jahre alt sind und teilweise auch aus dem Waldviertel stammen, vorhanden und dokumentiert.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Thema Tracht von den Nationalsozialisten missbraucht. „1938 wurde Juden das öffentliche Tragen von Lederhosen verboten. Dieses Verbot wurde dann auch auf andere Volksgruppen bzw. Menschen mit anderer regionaler Herkunft erweitert“, weiß Brigitte Temper-Samhaber, die sich mit dem Thema „Tracht“ im Rahmen ihrer Tätigkeit im Museum „Alte Textilfabrik“ in Weitra auseinandergesetzt hat.

Lustvoller Zugang zur Tracht

Vor rund 80 Jahren gewann das Dirndlkleid durch die legendären „Sissi“-Filme und die Salzburger Familie Trapp aber wieder an Bedeutung. Welche Trachten es in Niederösterreich gibt, haben Volkskundlerin Helene Grünn und Franz Lipp dokumentiert. Auf dem Trachtenblatt Nr. 36 findet man Waldviertler Dirndln. Hier sind die Gmünder Festtracht, das Waldviertler Goldhaubenkleid (2), das Winterdirndl (3) und die Waldviertler Festtracht vermerkt. Die Volkskultur Niederösterreich sorgt seit 30 Jahren für einen lustvollen Zugang zur Tracht – auch mit dem Dirndlgwandsonntag. In einer eigenen „Trachtenmappe“ hat die Volkskultur mittlerweile 70 Trachten dokumentiert.

Festtrachten für Sänger und Tänzer

Der Bezirk Zwettl ist gleich mit drei Trachten darin vertreten. Bei der Festtracht aus Zwettl besteht der Leib aus Seidenbrokat, hat einen weiten Ausschnitt mit einer Rüsche aus Hohlfalten. Bei den Farben wählte man dem Waldviertel entsprechend dunklere und satte Farbtöne, sie richten sich aber nach Alter, Statur und Geschmack der Trägerin. „Diese Dirndl tragen die Sängerinnen des Zwettler Singkreises“, betont die Zwettler Schneiderin Gabriele Zeller-Hofer. Als Vorlage dazu diente ein sehr altes Dirndl, das ein ehemaliges Singkreis-Mitglied getragen hat. „Dieses haben wir etwas umgearbeitet und für die Trachtenmappe dokumentiert“, sagt die Schneiderin, die auch 2016 bei der Entstehung eines eigenen Dirndls für die ASTEG-Kleinregion mitgewirkt hat. Dieses Dirndl hat übrigens „D’Haselbacher Volkstanzgruppe“ zum Vereinsdirndl gemacht.

Die Festtracht von Groß Gerungs ist mit einer außergewöhnlich reichen Stickerei verziert. Die feine Blütenstickerei aus Goldfäden, Pailletten und bunten Steinchen wird auf schwarzem oder dunkelbraunem Samt aufgebracht. Mit diesem Dirndl tritt die Volkstanzgruppe der Landjugend Groß Gerungs seit 2017 auf.

Kleidsam und funktionell ist das Waldviertler Arbeitsdirndl, für das in Niederösterreich klein gemusterte Stoffe verwendet werden – aber nie dasselbe Muster in verschiedenen Farben.

Sonderausstellung über Goldhauben

Der Museumsverein Zwettl widmet sich in der aktuellen Ausstellung einem Trachtenthema. „Wir präsentieren unsere restaurierten Goldhauben, die erst durch die Heirat von Wachauerinnen oder Oberösterreicherinnen mit Zwettlern ins Waldviertel gekommen sind. Die Hauben sind bis zu 200 Jahre alt und wurden zu den hier üblichen Dirndln getragen“, erklärt Obmannstellvertreter Thomas Hagmann.

Die Tracht wird jetzt ohne die Braut- oder Witwenhauben getragen und erfreut sich großer Beliebtheit. Diesem Trachtenboom wird Elfi Maisetschläger, die vor 30 Jahren mit ihrem Weitraer Trachtengeschäft gestartet ist, gerecht. Die Trachtenlady ist mit ihren eigenen Trachtenlinien für Regionen oder Berufsgruppen weithin bekannt und stattet auch viele Vereine aus.